Gaddafi - hysterischer Jubel um einen Massenmörder.

Sie lieben den Tod. Wir verehren das Leben. Das macht den Unterschied. Als Ex-Agent Abdel Bassit Ali Mohammed el Megrahi in seiner Heimat Tripolis aus dem Flugzeug stieg, jubelten Tausende auf dem Rollfeld des Militär-Flughafens der libyschen Hauptstadt. Wie in Trance schwenkten sie schottische und libysche Fahnen. Weinten, lachten, tanzten. Reckten die Fäuste zum Kampfgruß in den Himmel, zeigten das Victory-Zeichen, riefen: „Allah ist mit den Standhaften“.

Was für eine widerliche Feier.

Selbst Mummar Gaddafis ältester Sohn Saif war zum Empfang erschienen. In einer schneeweißen muselmanischen „Ulama“, der wallenden, traditionellen Tracht. Unter seinem Turban strahlte er mit dem Ausdruck triumphierender Überlegenheit. So, als hätte er ein Jahrhundert kolonialer Unterwerfung wettzumachen.

Saif und seine Mitläufer jubelten einem Massenmörder zu.

Abdel Bassit Ali Mohammed el Megrahi, 57, hat 270 Menschen umgebracht. Gemeinsam mit anderen – nie ausgeforschten – Mittätern hat er am 21. Dezember 1988 in London Heathrow eine Höllenmaschine an Bord des PanAm-Jumbos „Maid of the Seas“ geschmuggelt. 38 Minuten nach dem Start der Maschine mit Ziel New York detonierte die Zeitbombe in 10.000 Meter Höhe über der schottischen Ortschaft Lockerbie. Wrack- und Leichenteile landeten verstreut über mehrere Quadratkilometer, die Flügel und das mittlere Rumpfteil der PanAm-747 krachten auf die kleinen Einfamilienhäuser am Sherwood Crescent. 21 Häuser verschwanden direkt beim Aufprall oder wurden so schwer beschädigt, dass sie später abgerissen werden mussten.

Dazu gehörte das Haus der Familie Flannigan. Die Leiche der zehnjährigen Joanne wurde später gefunden, aber für die Eltern Kate (41) und Tom (44) gab es kein Grab: Sie hatten sich aufgelöst, pulverisiert im tausend Grad heißen Inferno aus Kerosin und Trümmern und Leichen.

Alle 259 Menschen an Bord sowie elf Bewohner des Marktfleckens kamen bei dem Anschlag ums Leben. Auf dem Friedhof Dryfesdale vor den Toren des Städtchens werden noch heute jedes Jahr Kränze niedergelegt. Dort gibt es den sogenannten Erinnerungsgarten und ein schlichtes Mahnmal mit den Namen sämtlicher offiziellen Opfer, die es in jener Nacht als Tote vom Himmel regnete.

Hysterischer Empfang.Der Mann, der dieses Inferno ausgelöst hat, wurde nun in Tripolis frenetisch gefeiert. Nur acht Jahre nach seiner Verurteilung ist er aus dem schottischen Gefängnis entlassen worden. Weil er an Prostatakrebs leidet. Nur noch wenige Wochen zu leben hat. Und das schottische Recht im Falle einer todbringenden Erkrankung die Begnadigung eines Verurteilten zulässt.

Der Attentäter kannte keine Gnade. Sollen nun wir Mitleid mit ihm haben? Susan Cohen, deren 20jährige Tochter zu den 270 Opfern des Lockerbie-Infernos zählte, bezeichnete die Freilassung „entsetzlich“: „Jetzt feiern sie wieder, das ist grauenhaft“, sagte sie auf CNN: „Wir sprechen von einem Massenmörder. Jemand, der so viele Menschen umgebracht hat, kann nicht auf Mitleid hoffen“. Die Wunden der Opfer-Angehörigen werden nie verheilen.

Die Mächtigen in Tripolis hätten zumindest jetzt Pietät gegenüber den Hinterbliebenen zeigen können, doch dazu fehlt dem Gaddafi-Regime auch heute noch das nötige Gespür. Das äußere Bild, der Habitus der Menschen am Flughafen, waren das Spiegelbild dessen, was Revolutionsführer Muammar Gaddafi seit Jahrzehnten der Welt vorführt.

Prophetisches Sendungsbewusstsein. Wer erinnert sich nicht an Gaddafi’s Operettenausflüge in Fantasiekostümen zu den Politik-Gipfeln nach Rom und Paris in den vergangenen Monaten? In fast devoter Haltung waren die europäischen Staatschefs auf den Wüstensohn zugegangen. Man fand und findet es komisch, dass Gaddafi zu Staatsbesuchen stets mit weiblicher Leibgarde und einem Zelt als Unterkunft anreist. „Das Verwirrende an Gaddafi liegt darin“, schreibt selbst Orient-Experte Peter Scholl-Latour, „dass keine systematische Verteufelung auf ihn passt“.

Jahrzehntelang war der Oberst die Spinne im weltweit verzweigten System des Terrors. Er finanzierte die moslemischen Terroristen in Mindanao und palästinensische Bomber. Seine Emissäre unterstützten die Mörder der „irisch-Republikanischen-Armee“, die Bomber der ETA, die Killer der RAF in Deutschland. Wo immer Blutvergießen entstand,waren Männer vom Schlag des jetzt begnadigten libyschen Geheimdienst-Agenten nicht weit. Gaddafi wurde vom Beduinensohn zum geheimnisvollen Motor jeder Form revolutionären Umsturzes, das ist Tatsache. Das Blut der Vergangenheit ist ihm sicher. Nach den Anschlägen von 9/11 schwor Gaddafi dem Terror öffentlich ab. Salbungsvoll.

Doch kann ein Mann wie er seine Gefühle, seine Vergangenheit, vollständig auswechseln? So, als würde einem das Blut ausgepumpt und durch neues ersetzt werden? Wäre dem so, hätte er den hysterisch-gebärdenden Mob in Tripolis bei Rückkehr des Attentäters nicht zulassen dürfen. Für Gaddafi aber ist falsches Heldentum noch immer obligatorische Staatstugend.

Aug. 21, 2009 // 13:14 | Comments (0)