40 Jahre Revolution. Gaddafi feierte und will die Schweiz auflösen!

40 Jahre an der Macht. 40 Jahre Revolution und Provokation – Muammar Gaddafi, 67, Libyens exzentrischer Wüstensohn liess sich feiern.

Tripolis, die triste Hauptstadt, herausgeputzt, die Fassaden der alten Kolonialhäuser blitzten, die römischen Ruinen zu Bühnen umgebaut, tausende neuer Palmen wurden gepflanzt. 50 Millionen Euro kostete die Mega-Feier. Organisiert wurde das bizarre Schauspiel von Grey, einer internationalen Werbeagentur und französischen Eventspezialisten. 100 Köche des Pariser Top-Restaurants “Le Notre” zauberten auf einer schwimmenden Bühne im Hafen von Tripolis.

Doch – kein einziger ernstzunehmender Staatschef ist zur bizarren Wüstenshow angereist.

Trotzdem sorgte Gaddafi weltweit für Aufsehen. Am Rande des Spektakels sickerte nämlich durch, dass Gaddafi bei der UN-Vollversammlung formell beantragt hat, die Schweiz aufzulösen. Das schweizerische Staatsterritorium soll aufgeteilt und an die Nachbarländer verteilt werden, forderte der Oberst und das ist kein Witz. Mit diesem Schwachsinn soll sich nun die UN-Vollversammlung befassen, die am 15. September in New York beginnt. Libyen hält für ein Jahr den Vorsitz der UN-Generalversammlung.

Für Gaddafi ist die Schweiz keine Nation, sondern eine „Mafia“, die den „internationalen Terrorismus“ finanziere. Hintergrund der irrlichternden Attacke: die Verhaftung seines gewalttätigen Sohnes Hannibal in Genf.

Was war passiert?

Die Genfer Polizei hatte im Juli 2008 Gaddafis Sohn Hannibal (fünftes von acht Kindern) festgenommen. Hannibal Gaddafi, ein Raufbold, der schon mehrmals mit der Polizei in Konflikt geraten ist, war damals mit seiner Frau Aline und seinem dreijährigen Sohn nach Genf gereist. Standesgemäß im privaten Airbus. Mit an Bord: Acht Leichwächter. zwei Hausangestellte.

Aline war in der 35. Woche schwanger, sollte in einer Genfer Klinik ihr zweites Kind zur Welt bringen. Das Paar quartierte sich im noblen Hotel „President Wilson“ ein, Crown Suite.

Am 12. Juli wählte eine Gaddafi-Angestellte von der Suite aus den Polizeinotruf. Die Frau, eine Tunesierin, schilderte unter Tränen, dass sie und der Hausdiener, ein Marokkaner, systematisch von Hannibal Gaddafi mit Gürteln und hölzernen Kleiderbügeln traktiert werden. Auch Faustschläge seien an der Tagesordnung: „Wir werden wie Sklaven gehalten!“ Sie erzählte der Polizei auch, dass Hannibal jeden Abend ausgeht, betrunken zurückkommt und sich heftig mit seiner schwangeren Frau streitet.

Die Genfer Polizei stellte Vorführbefehle gegen das Paar aus. Eine Spezialeinheit stürmte die Suite, Hannibal Gaddafi wurde in Handschellen abgeführt, seine hochschwangere Frau ins Spital gebracht. Erst zwei Tage später wurden sie gegen Kaution freigelassen.

Schweizer Präsident wird vorgeführt!

Revolutions-Führer Gaddafi brachte das so in Rage, dass er einen beispiellosen Rachefeldzug gegen die Schweiz lostrat. Libyen zog seinen Botschafter aus Bern ab, Schweizer Staatsbürger erhielten keine Visa mehr für Libyen, die Öllieferungen in die Schweiz wurden gestoppt, sämtliche Schweizer Konzerne in Libyen mussten ihre Niederlassungen schließen. Das reichte aber noch nicht. Schließlich ließ Gaddafi die beiden Schweizer Geschäftsleute in Tripolis festnehmen, als Fauspfand. Gaddafi wollte eine offzielle Entschuldigung der Schweiz.

Tatsächlich flog vor wenigen Wochen Bundespräsident Hans-Rudolf Merz nach Tripolis, entschuldigte sich für das Verhalten der Genfer Polizei. Ein Kniefall, der zur Frace geriet. Zur Gaddafi-Vorführ-Show. Der Wüstensohn ließ den Eidgenossen kalt abblitzen, der Präsident musste ohne Geiseln nach Hause fliegen. Eine Demütigung der Sonderklasse.

Psychogramm -wer ist Muammar al-Gaddafi?

Weder Mao, noch Stalin waren länger an der Macht als er. Nur Fidel Castro kann auf eine um zwei Jahre längere Amtszeit zurückblicken, wobei der Begriff Amtszeit eigentlich falsch ist – Gaddafi hat gar keine offizielle Position. Er ist weder gewählter Präsident, noch Parteichef, noch Staatschef. Er ist bloss Oberst, Revolutionsführer. Mächtigster Mann im Staat. Der Einzige, der entscheidet. Das reicht. Bis heute.

Am 1. September 1969 putschte er in Tripolis als blutjunger Hauptmann gegen den ungeliebten und unfähigen König Idriss. Machte kurzen Prozess mit dessen „Weißer Garde“, eine Machtergreifung, die leicht fiel.

Gaddafi verkörperte damals jenen Geist islamischen Siegesbewußtseins, jenen revolutionär-religiösen Taumel, der Moslems mitreißt. Sein Habitus strahlte Geheimnisvolles aus, Spannendes. Er war ein schöner Mann. Groß, kräftig, ausdrucksvoller Beduinenkopf, sympathische Jugendhaftigkeit, katzenhafter Gang. Sein brennend starrer Blick hatte ständig etwas Gehetztes.

Heute ist Gaddafi ein alternder Exzentriker, ein Politik-Komödiant in schrillen Phantasieuniformen. Die Gesichtshaut lasch, die Lippen hängend, die Augen verquollen, die Haare gefärbt, eine Mischung aus Frank Zappa und auftoupierter, alternder Barfrau. Ein Schatten seinerselbst.

Bloss sein schrilles Erscheinungsbild erinnert noch an den Revolutionär von damals, als er versuchte, seine eigene Nation in eine egalitäre, islamische Gesellschaftsform einzuschmelzen. Noch heute wohnt er bei seinen Auslandsreisen im Beduinen-Zelt. Noch heute muss ihm seine ausschließlich weibliche Leibgarde Kamelmilch servieren, täglich frisch eingeflogen aus der Sahara.

Öl und Gas. Was brachte der Reichtum dem Volk ?

Gaddafi brachte seinem Volk (sechs Millionen) keinen Reichtum. Er stattete sein Land lediglich mit nationaler Arroganz aus, doch das reichte nicht zur Führerschaft in der arabischen Welt und in Afrika. Zwar muss in Libyen niemand Hunger leiden, aber der Lebensstandart ist niedrig, Infrastruktur und Löhne sind nicht mit Dubai zu vergleichen. Sein Projekt, aus Libyen eine geschlossene Vorhut der arabischen und islamischen Wiedergeburt zu machen, ist gescheitert. Und das, obwohl eine Laune der Geologie Gaddafi alle erdenklichen Möglichkeiten gegeben hat – Libyen verfügt über immensen Erölreichtum, exportiert fast ebenso viel Öl pro Kopf wie Saudi Arabien.

Was prägte den Revolutionär?

Gaddafi wuchs in der Sahara auf. Als Kind armer Beduinen. Die Wüste war sein Zuchtmeister, sein Zelt sein Schloß. Als Schüler wurde er mißachtet, vernachlässigt. Hatte kaum Chancen gegen die Söhne wohlhabender und arroganter Feudalherren. Daraus wuchs sein brennendes Bedürfnis nach Macht und sozialer Gleichmacherei, eine Beschreibung, die in Biographien vieler Revolutionäre zu finden ist: „In der Einsamkeit zwischen Sand und Firmament entstand sein fanatisches Verlangen nach Abrechnung mit der korrupten und gottlosen Welt.“, analysiert Gaddafi-Kenner Peter Scholl-Latour.

War er der Vater des Terrors ?

Dieses prophetische Sendungsbewusstsein machte Gaddafi zum Motor jeder Form revolutionären Umsturzes. Jahrzehntelang pumpte der Oberst als Spinne im weltweit verzweigten System des Terrors Geld in Tod und Vernichtung. Er finanzierte die moslemischen Terroristen in Mindanao und palästinensische Bomber. Seine Emissäre unterstützten die Mörder der „irisch-Republikanischen-Armee“, die Bomber der ETA, die Killer der RAF in Deutschland, die OPEC-Geiselnehmer in Wien.

Wo immer Blutvergießen entstand, waren Gaddafis Männer nicht weit. So auch am 21. Dezember 1988. Damals schmuggelten libysche Geheimagenten unter Führung von Gaddafi-Agent Abdel Bassit Ali Mohammed al Megrahi eine Höllenmaschine an Bord des PanAm-Jumbos „Maid of the Seas“. 38 Minuten nach dem Start der Maschine mit Ziel New York detonierte die Zeitbombe in 10.000 Meter Höhe über der schottischen Ortschaft Lockerbie. Alle 259 Menschen an Bord sowie elf Bewohner des Marktfleckens kamen bei dem Anschlag ums Leben.

Triumphempfang für den Massenmörder

Al Megrahi, der Mann, der dieses Inferno ausgelöst hat, wurde erst vor wenigen Tagen in Tripolis frenetisch gefeiert, der Mob gebärdete sich hysterisch, Gaddafi begrüßte den Ex-Agenten mit Bruderkuss.

Nur acht Jahre nach seiner Verurteilung ist Al Megrahi aus dem schottischen Gefängnis entlassen worden. Weil er an Prostatakrebs leidet. Und das schottische Recht im Falle einer todbringenden Erkrankung die Begnadigung eines Verurteilten zulässt.

Gaddafi hätte zumindest jetzt Pietät gegenüber den Hinterbliebenen zeigen können, doch dazu fehlt ihm auch heute noch das nötige Gespür. Er empfing al Megrahi wie einen Staatsgast, einen nationalen Märtyrer.

Gaddafi und das Geschäft der Geiselnahme!

Gaddafi hat nach den Anschlägen von 9/11 öffentlich dem Terror abgeschworen. Ein Mann wie er kann aber seine Gefühle, seine Vergangenheit, nicht auswechseln. Schließlich versteht das Geschäft der Geiselnahme keiner besser als er. Auch heute noch.

Zuerst hielt er jahrelang bulgarische Krankenschwestern fest, weil diese libyschen Kindern absichtlich aidsverseuchte Blutkonserven verabreicht haben. Die Krankenschwestern wurden zum Tode verurteilt, in Straflager geschickt, Psychoterror pur. Zuletzt begnadigte Gaddafi die bedauerswerten Frauen. Er brauchte Handlungsspielraum bei Gesprächen mit der EU und Brüssel ging in die Knie.

Jetzt führt er die Schweiz vor und die Welt sieht abermals erstaunt zu.

Man kann gespannt sein, was in den nächsten Wochen noch passierern wird. Gaddafi plant seine erste Reise in die USA. Libyen ist derzeit Mitglied im UN-Sicherheitsrat, und der frühere Aussenminister Ali Triki ist neuer Vorsitzender der UN-Vollversammlung.

Provokant (oder geschmacklos?) ließ Gaddafi anfragen, ob er während seines New York Besuches sein Zelt im Vorort Englewood aufschlagen könne. Engelwood ist eine jüdische Gemeinde, 38 Hinterbliebene der Opfer des Lockerbie-Attentats leben in dem Vorort.

Gaddafis Antrag wurde abgelehnt. So bleibt Gaddafi wohl nur noch eine Möglichkeit: Bei seiner Rede vor der Uno-Generalversammlung kann ihn niemand stoppen, wenn er seinen wirren Vorschlag wiederholen will.

Sep. 04, 2009 // 17:10 | Comments (0)