Rascher Abzug, kein Kriegsgebrüll - Deutsche Soldaten raus aus Afghanistan!

Denis Diderot, der französische Aufklärer, schrieb in seinen Gedanken zur Interpretation der Natur: „Wenn man einen falschen Weg einschlägt, verirrt man sich um so mehr, je schneller man geht.“

Die 4300 in Afghanistan stationierten deutschen Soldaten und ihre politischen Leithammel daheim gehen derzeit sehr schnell, zu schnell: „Wer uns angreift, der muss wissen, dass er bekämpft wird!“, donnerte der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Jung als Reaktion auf jenen verheerenden Luftangriff, bei dem 120 Menschen starben. Jung hätte etwas zurückhaltender sein sollen.

Was war passiert?

Taliban-Kämpfer entführen sechs Kilometer südlich von Kunduz zwei vollbeladene Tanklastzüge einer zivilen Firma. Kunduz ist das Zentrum des deutschen Afghanistan Einsatzes, das Herzstück, die Kommandozentrale. Der örtliche Bundeswehrkommandeur befürchtet, die Tanklastzüge könnten für einen Selbstmordanschlag gegen das deutsche Feldlager genutzt werden.

Zivilisten verglühen im Feuerball

Er fordert deshalb „Close Air Support“, Luftunterstützung. Die kommt rasch. Ein US-Jagdbomber vom Typ F-15E lädt schon kurze Zeit später lasergesteuerte 500-Kilo-Bomben des Typs GBU-38 ab. Ein Inferno ist die Folge. Dutzende Menschen, die rund um die entführten Laster stehen, verglühen in dem Feuerball. Unter den Opfern sind Taliban, aber auch Zivilisten. Sie wollten bloss ein paar Liter Benzin abzapfen…

Raus aus Afghanistan

Dieser Vorfall zeigt die grausliche Seite des Krieges. Er belegt aber auch, dass es in einem Krieg keine Gewinner geben kann. Mit militärischen Mitteln lässt sich keine Demokratie herbeiführen, schon gar nicht in Afghanistan. Der „saubere Krieg“ ist eine reine Illusion. Dieser Tragödie werden weitere folgen.

Verteidgungsminister Jung hätte auch sagen können: „Dieser Vorfall zeigt, dass schleunigst über ein Ende des Afghanistan Einsatzes nachgedacht werden muss. Wir können unsere Frauen und Männer nicht in einen noch blutigeren Krieg hineinhetzen“. 35 deutsche Soldaten sind bisher am Hindukusch gefallen.

Jung hat es nicht getan. Auch Bundeskanzlerin Merkel nicht, auch nicht Aussenminister Frank Walter Steinmeier.

Sie wollen einfach nicht zum Ausgangspunkt zurückkehren, zum gezielten Kampf gegen den Terror. Sie wollen Krieg.

Wahrscheinlich, weil sie nie Denis Diderot gelesen haben, der über „den falschen Weg“ meinte: „Die Erschöpfung der Kräfte lässt eine Umkehr nicht zu; die Eitelkeit sträubt sich dagegen, ohne dass man es bemerkt; das hartnäckige Festhalten an den Prinzipien verbreitet über die ganze Umgebung einen falschen Schein, der die Gegenstände entstellt. Man sieht sie nicht mehr, wie sie sind, sondern wie sie sein sollten“.

In genau dieser Situation befinden sich die internationalen Truppen nun in Afghanistan.

Milliarden an Hilfsgeldern sind seit dem Sturz der Taliban vor acht Jahren nach Afghanistan geflossen. Das Land ist noch immer eines der ärmsten der Welt.

100.000 internationale Soldaten sind am Hindukusch stationiert. Dennoch ist das Land noch immer eines der gefährlichsten.

Nichts hat sich am Hindukusch verbessert. Im Gegenteil – die Lage hat sich stetig verschlechtert. Der strategische Ansatz der NATO geht schlicht an der Realität vorbei, anders kann diese Entwicklung nicht interpretiert werden.

Krieg mit den Neo-Taliban

Längst befindet sich die NATO in einem Guerillakrieg mit den „Neo-Taliban“. Das Land versinkt in einem Gewirr aus islamistischen und nationalistischen Paschtunen, Drogenhändlern, Warlords, Al-Qaida-Terroristen, ausländischen Dschihadisten und religiösen Fundamentalisten. Die Enkel von Osama bin Laden sind längst überall. Und der Großvater des Terror sieht wohl genüsslich zu.

Eine Veränderung ihrer Gesellschaft können die Afghanen nur selber vollziehen. Kein Warlord, kein afghanischer Politiker, niemand darf sich in Zukunft mehr auf (zwangsläufige) Fehler der internationalen Truppen ausreden können.

Gewalt provoziert stets Gegengewalt. Diese Spirale wird sich nun immer schneller drehen. Am Ende werden die deutschen Soldaten auch auf Frauen und Kinder schiessen müssen, schliesslich gehören lebende Schutzschilde zur Taktik des Untergrundkampfes.

Spätestens dann wir keiner mehr den Afghanistan-Einsatz „als reine Stabilisierungsmission mit Aufstandsbekämpfung“ schönreden können. Dann werden deutsche Soldaten als Mörder gebrandmarkt werden. Wer will das?

Blauhelme staat Kampfeinheiten

Man muss dem Feind nicht immer die Stirn bieten. Es gibt auch keinen Auftrag für einen Verteidigungskrieg des Abendlandes in Afghanistan, das wurde uns bloss eingeredet. Deutschland spielt den globalen Sicherheitsdienstleister, weil Washington das so forderte. Ein weiterer Militäreinsatz in der Region hätte bloss dann einen Sinn, würden die Vereinten Nationen das Kommando am Hindukusch übernehmen. Dazu bräuchte die NATO aber eine Exit-Strategie. Und die politische Kraft, einzusehen, dass aus Afghanistan kein demokratischer Staat nach europäischem Vorbild zu machen ist.

Sep. 06, 2009 // 15:54 | Comments (1)