Sigmar Gabriel - der Neue an der Spitze der SPD. Doch liegen "Harzer Roller" wirklich im Trend?

Jetzt kommt der Erzengel

Am Ende des deutschen Bundestags-Wahlkampfs hatte er richtig Fahrt aufgenommen – Frank-Walter Steinmeier, deutscher Aussenminister und SPD-Kanzlerkandidat. Es nützte nichts, er stürzte bei der Wahl fürchterlich ab, minus 10 Prozent, ein Desaster. Nun verzichtete er auf den Partei-Vorsitz.

Neuer SPD-Chef wird aller Voraussicht nach Noch-Umweltminister Sigmar Gabriel, ein scheinbar gemütlicher Herr.

Der „Erzengel“, wie sie ihn im Netz bereits nennen, setzte sich in einem brutalen Nach-Wahl-Machtkampf in Berlin durch.

„Sigmar Gabriel“, sagte SPD-Bundestagabgeordneter Hans-Peter-Bartels WELT-ONLINE, „steht für eine junge, neue SPD“. Er wäre ein Parteivorsitzender mit Hinguck-Faktor.

Tja, da wollen wir doch genauer hinsehen.

Parteiintern nennen sie den Schwergewichtigen abwertend „Harzer Roller“, eine Art „Quargel“, wie wir Österreicher sagen. Ausserdem ist Gabriel ein „political animal“, schrieb „Focus“. Er ist kampagnenfähig, arrogant und hat keine ideologischen Scheuklappen.

Sind das wirklich Eigenschaften, die zum SPD-Chef befähigen?

Mag sein. Doch kann ein „Harzer Roller“ die Menschen begeistern? Emotionen auslösen? Wahlen gewinnen. Ein Land bewegen?

Bekannterweise beginnt alles Werben beim Konsumenten.

Eine nicht unbedeutende Gruppe sind Frauen. Diese Gruppe ist über 35 Jahre alt, fit, trainiert und trifft zwei Drittel aller Entscheidungen in deutschen Haushalten. Sie prägen die „she-conomy“, für sie ist Lebensqualität wichtiger als Glamour.

Sie kommen aus einer „cash-rich and time-poor“ Zeit. Heute (er)leben wir „cash-poor and time-rich“. Gefordert ist soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Akzeptanz trotz Loch im Familienbudget.

In diese Phase platzt nun ein schwitzender Erzengel als Glücksritter der roten Socken, ein „Harzer-Roller".

Gut – sein Amt als Umweltminister hat der frühere niedersächsische Ministerpräsident genutzt, um im In- und Ausland an Profil zu gewinnen.

Perfekt – er hat umweltpolitisch viel bewegt.

Schlecht – er hatte einen Beratervertrag mit VW, vermittelt vom damaligen Personalvorstand Peter Hartz. Peter Hartz stolperte über Korruption und eine brasilianische Nutte.

Vielleicht liege ich falsch und Ex-Kanzler Gerhard Schröder hat ein besseres Gespür für Stimmungen in seiner Partei und in Deutschland. Erst vor zwei Wochen gab sich Schröder in Goslar die Ehre. Hier feierte der neue SPD-Leuchtturm seinen 50. Geburtstag.

„Sigmar Gabriel hat noch viel vor“, beendete Schröder seine Gratulationsrede, „und er hat auch noch viel vor sich.“

Stimmt. Gabriel hat noch viel vor sich. Viel Stress. “Harzer Roller” liegen wirklich nicht im Trend?

Sep. 29, 2009 // 20:50 | Comments (1)