Roman Polanski - Willkür oder Recht? Darf Vergewaltigung verjähren?

Der Fall Roman Polanski! Langsam bekommt die Vergewaltigungs-Causa juristisch und gesellschaftspolitisch relevante Aspekte. So trauert Deutschlands-Boulevard-Goethe Franz Josef Wagner in der “BILD”: „Polanskis hochschwangere Mutter wurde in Auschwitz umgebracht. Seine Frau Sharon Tate, auch schwanger, wurde von Mitgliedern der Manson-Sekte ermordet. Ein Mensch mit dieser Biografie hat mein Mitgefühl und ich fordere Gnade für ihn.“

David Baum, ein junger Autor in Berlin, kontert: „Das wird spannend, wenn alle, die schon mal Opfer waren oder Schicksalsschläge im Verzeichnis stehen haben, immun gegen Strafe werden….“.

Ein Streit um Grundsätze.

Roman Polanski ist heute 76. Er hat 1977 in Los Angeles ein 13jähriges Mädchen verführt, vergewaltigt, seine Machtstellung ausgenützt, um ein Kind zu missbrauchen. Polanski gestand. Einer Haftstrafe entzog er sich durch Flucht nach Europa. Seither gibt es einen US-Haftbefehl gegen ihn.

Jetzt wurde der Starregisseur in der Schweiz festgenommen. Weil seit vergangem Jahr Vergewaltigungsdelikte in der Schweiz nicht mehr verjähren.

Halbherziger Kampf

Dutzende Prominente in Europa reagierten mit Fassungslosigkeit auf die Verhaftung Polanskis, selbst der französische Aussenminister verfasste eine Protestnote. Nun setzte sich auch Franz Josef Wagner für ihn ein: „32 Jahre, so lange liegt Ihr Sexualdelikt zurück, 32 Jahre haben Sie bewiesen, dass Sie keine Gefahr für die Menschheit sind, kein Vergewaltiger, kein Böser. 32 Jahre braves Leben sind für mich Grund genug, Ihnen zu vergeben. Selbst das Mädchen, heute eine 45-jährige Mutter von 3 Kindern, hat Ihnen vergeben. Wir müssen vergeben. Vergeben ist ein Kulturschatz. Ohne Verzeihen funktioniert unsere Gesellschaft nicht. Juristisch kann man anscheinend nicht vergeben."

Dann fragt Wagner: «Was für einen Verbrecher haben wir vor uns? Polanskis hochschwangere Mutter wurde in Auschwitz umgebracht. Seine Frau Sharon Tate, auch schwanger, wurde von Mitgliedern der Manson-Sekte ermordet. Ein Mensch mit dieser Biografie hat mein Mitgefühl und ich fordere Gnade für ihn. Für den schlimmen Fehler, den er begangen hat. Ich fordere mildernde Umstände für Polanski. Gnade und Vergebung. Nicht weil er ein berühmter Regisseur ist. Sondern weil er genug gelitten hat. Diese dumme, dumme Schweiz verhaftet ihn jetzt. Wo ist unsere Kultur des Verzeihens, die Kultur der Gnade? Juristisch mag es wohl in Ordnung sein, aber menschlich nicht.“

Soweit Wagner.

David Baum wollte den Auschwitz-Vergleich nicht einfach so hinnehmen: „…ich bin schon gespannt auf das Rechtssystem, das in BILD, 3sat Kulturzeit und anderen Stammtischen seit Tagen propagiert wird. Weil Polanskis Mama im KZ umgebracht wurde und seine Frau vom irren Manson, soll man ihn jetzt nicht mehr wegen der ungesühnten Vergewaltigung einsperren. Das wird spannend, wenn alle, die schon mal Opfer waren oder Schicksalsschläge im Verzeichnis stehen haben, immun gegen Strafe werden….“.

Hat er damit den Punkt getroffen?

Wann verjährt Strafe? Soll Strafe überhaupt verjähren? Kann ein Unterschied zwischen den jeweiligen Verbrechen gemacht werden? Darf die Justiz das überhaupt?

Polanski sitzt derzeit im Flughafengefängnis Zürich-Kloten, ein schlimmer Betonklotz. 23 Stunden pro Tag verbringt er in seiner Zelle – ein Tisch, ein Bett, ein Schrank, ein Waschbecken sowie WC und TV. Drei Mahlzeiten bekommt er, sie müssen im Zimmer eingenommen werden.

Roman Polanski wird festgehalten, weil ein alter Haftbefehl gegen ihn vollzogen worden ist. „Vergewaltigung“, lautet der Vorwurf. Geschehen ist das Ganze in der Villa von Jack Nicholson. Polanski, der schmächtige Jungregisseur, hatte damals die 13jährige Samantha Gailey zu einem Fotoshooting für die französische Voque eingeladen. Es floss Champagner. Sie war angeheitert, sprang halbnackt in den Pool.

Polanski stieg zur ihr ins Becken. Was danach geschah, steht im Gerichtsprotokoll von damals, das sowohl „BILD“, als auch der Schweizer „BLICK“ und „oe24“ in Österreich veröffentlichten:

Staatsanwalt: „Wie viel Champagner haben Sie getrunken?“

„Ich weiß es nicht. Ich trank die ganze Zeit, während er Fotos machte.»

„Was hatten Sie an, als Sie in den Whirlpool stiegen?“

„Ich wollte meine Unterwäsche anlassen, aber er sagte, ich solle sie ausziehen. Er machte Fotos. (...) Dann sagte er, er wolle auch in den Pool kommen. Er ging ins Badezimmer, kam wieder heraus und stieg zu mir ins Wasser.»

„War er bekleidet?“

„Nein. (...) “Er sagte:, Ich bringe dich gleich heim.' Dann ging er an mir runter und fing an, an mir herumzuspielen.”

„Und dann?“

„Dann machten wir es. (...) Ich habe mich nicht richtig gewehrt, da war ja niemand, außer uns beiden.» (...) Ich sagte, er solle aufhören, aber er machte weiter. Er hob meine Beine an und drang von hinten in mich ein.»

Samantha Gailey heißt heute Samantha Gmeier. Sie lebt inzwischen mit ihrem Mann Dave, ein erfolgreicher Immobilienmakler, ihren Kindern, ihrer Mutter und ihrer Schwester in Kauai, Hawaii. Ihr Haus steht direkt am Strand, ein Paradies. Sie will mit dem Fall seit Jahren nichts mehr zu tun haben: “Es ist so lange her, ich verstehe nicht, weshalb sich die Medien noch immer dafür interessieren“, sagte sie Tim Ryan, Reporter beim „Kauai“-Star-Bulletin“. Längst hat sie Polanski verziehen: „Was er mir angetan hat, war falsch, aber ich wünschte, er könnte nach Amerika zurück, so dass wir beide diesen Albtraum hinter uns lassen können. Er hat einen schrecklichen Fehler gemacht, aber er hat dafür gezahlt.“

Polanski ist ein Star. „Chinatown“, „Tanz der Vampiere“ und „Rosemarys Baby“ sind längst Klassiker.

Jetzt wirft sein Fall das gesamte System der internationalen Rechtshilfe über Bord. Schließlich hat sich Polanski jahrelang völlig frei in Europa bewegt. Er inszenierte in Wien, urlaubte in Italien, drehte zuletzt im Frühjahr dieses Jahr auf Sylt im Norden Deutschlands. Stets waren Journalisten dabei, immer wurde groß berichtet, doch kein Richter, kein Staatsanwalt oder Polizist dachte jemals daran, ihn verhaften zu lassen. Selbst die Schweiz nahm dankbar das Geld des Regisseurs. Er besitzt in Gstaad das prächtige Chalet „Milky Way“, war erst im August dieses Jahres dort.

Er versteckte sich nicht, im Gegenteil – alle in dem Nobelort kannten ihn. Weshalb wurde er nicht schon viel früher verhaftet? Warum war der Haftbefehl für Behörden in Deutschland, Italien und Österreich nie ein Thema? Gibts in diesen Staaten keine rechtlichen Grundsätze?

Sep. 30, 2009 // 23:03 | Comments (1)