Jörg Haider - persönlicher Rückblick auf einen Grenzgänger!

Vor genau einem Jahr verunglückte der österreichische Politiker Jörg Haider.

Diesen Rückblick habe ich Stunden nach dem Tod Haiders für die WELTamSONNTAG verfasst. Obwohl seither viel geschrieben, geheuchelt, geoutet und gehaidert worden ist, hat sich mein Blick auf den Politiker Jörg Haider bis heute nicht verändert.

Er liebte das Tempo: In seiner Karriere, beim Autofahren, im Privatleben, im Wechsel seiner Meinungen und Outfits. Ein war ein rechtspopulistischer Alleinunterhalter, ein Grenzgänger, ein Marathonmann, ein Getriebener. „Der Einzige, der Haider stoppen kann“, sagten alle, „ist er selbst.“

Das hat er am 11.Oktober 2008 getan. Er raste mit seinem Dienstwagen weit nach Mitternacht in den Tod, hatte 1,77 Promille Alkohol im Blut, war viel zu schnell unterwegs.

Ich kannte Haider seit mehr als 20 Jahren. Zuletzt habe ich Ende September 2008 mit ihm gesprochen. Es war der Tag nach seinem völlig überraschenden Comeback auf der nationalen österreichischen Politikbühne. Wien war wieder ein Stück weiter nach rechts gerückt.

Jahrelang war Haider als Landeshauptmann von Kärnten, einer österreichischen Variante des Ministerpräsidenten, völlig von der nationalen politischen Bühne verschwunden, war aus eigener Wahl zum Lokalphänomen mutiert. Schlagzeilen machte der 58-jährige Haider nur mehr durch ein Bauverbot für Moscheen mit Minaretten oder die eigenmächtige Ausweisung von Asylbewerbern aus seinem Bundesland.

Mit dem Wahlerfolg war der Geächtete plötzlich wieder da. Seine neue Partei, das Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ), erhielt bei der Nationalratswahl praktisch aus dem Stand elf Prozent. Gemeinsam mit der FPÖ, von der er sich 2005 im Zorn getrennt hatte, weil sie ihm “zu rabiat” erschien, errang das rechte Lager nun fast 30 Prozent.

Haider war im Siegestaumel, die Großparteien SPÖ und ÖVP abgestraft. Lachend sagte er zu mir: «Was haben eifrige Journalisten, was haben ganze Scharen spitzfindiger Kommentatoren im Lauf der Jahre nicht alles über mich geschrieben, um mein ultimatives Ende exklusiv verkünden zu können? Doch der Totgesagte ist pumperlg'sund.»

Haiders Verhältnis zur Presse und zur Öffentlichkeit war ambivalent. Eine Art Hassliebe – anders ist diese seltsame Beziehung nicht zu bezeichnen. Einerseits trieb ihn eine egomanische Sucht nach Aufmerksamkeit. Kaum ein Politiker in Europa hat so innig mit den Kameras geflirtet. Auch hatte Haider von Beginn seiner Karriere an eine wahre Lust am politischen Radau, der er, egal wie moderat er sich am Schluss auch geben wollte, stets treu blieb. Andererseits wusste er ganz genau, dass das ständige Rempeln, die ständige verbale Brutalität zur politischen Selbstzerstörung führen kann. Doch er konnte davon nicht lassen.

Seine markigen Sprüche, vor allem jene, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus befassten, brachten ihm immer wieder den Ruf des ewiggestrigen Nazi-Irrlichts ein. Er bezeichnete Österreich als «ideologische Missgeburt, denn die Volkszugehörigkeit ist die eine Sache und die Staatszugehörigkeit ist die andere Sache».

Er behauptete, das Dritte Reich habe eine «ordentliche Beschäftigungspolitik» gemacht. Seine skandalöseste Äußerung machte er vor ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS: «Es ist gut, dass es in dieser Welt noch anständige Menschen gibt, die einen Charakter haben, die auch bei größtem Gegenwind zu ihrer Überzeugung stehen und ihrer Überzeugung bis heute treu geblieben sind.»

Haider sog seine Überzeugung gewissermaßen mit der Muttermilch ein. Er stammte aus einem nationalsozialistischen Elternhaus. Vater Robert Haider, ein Schuhmacher, war bereits vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht und dem “Anschluss” Österreichs illegales Mitglied in Hitlers NSDAP geworden. Und Mutter Dorothea war begeisterte Jugendbann-Führerin.

Zweifelsohne hat ihn dieses Elternhaus geprägt. Deutschnational war Haider deshalb aber nicht: “Es gab kein verbrecherischeres Regime als das Dritte Reich”, sagte Haider später. Doch diese Entschuldigung blieb weitgehend ungehört. Im Grunde machte Haider Politik gänzlich ohne Weltanschauung.

Er war ein Doppelgesichtiger, ein Janus. Privat stets freundlich, witzig, unterhaltsam, interessiert, gut informiert. Er hatte die Gabe zuzuhören. Mit Stolz erzählte er von seinen beiden Töchtern, die er “unbedingt raushalten” wollte aus der Politik. Er selbst sah sich stets als legitimer Nachfolger des legendären Bundeskanzlers Bruno Kreisky (SPÖ), als Weltvermittler und Lichtgestalt der österreichischen Innenpolitik. Gewiss wollte er damit auch provozieren. Es war aber auch ernst gemeint: Haiders wusste genau, dass er Menschen begeistern konnte wie kein anderer Politiker des Landes.

Haiders Begabung bestand darin, Menschen, die mit Politik wenig bis nichts zu tun hatten, ein Stück des Weges mitzunehmen, er gab jedem das Gefühl, wichtig zu sein.

Er gab sich als ihr Anwalt. Er agierte in allen Bevölkerungsschichten. Wenn es sein musste, predigte er lafontaineartigen Sozialismus. Wenn das Bierzelt es hören wollte, zeigte er sich als Ausländerfeind, und wenn er es für richtig hielt, wetterte er gegen Korruption und Vetternwirtschaft.

Das Prinzip seiner Politik war der kalkulierte Tabubruch. Damit lockerte er zwar die außerordentlich verkrusteten Parteistrukturen Österreichs, brachte gleichzeitig aber eine Radikalität in die Politik, der zuweilen jedes Verantwortungsgefühl abging. Er versprach viel – bot aber keine Lösungen an. Das war sein Stil. Mit dieser Methode scharte er die Modernisierungsverlierer hinter sich, verstärkte Ängste und Bedrohungsgefühle.

Kaum liefen die Kameras, wurden seine Augen kleiner, der Körper wurde angespannt, sein Grinsen breit, die Diktion scharf. Er ging Bergsteigen, sprang mit dem Bungee-Seil von Brücken, lief Marathon, war immer topfit und braun gebrannt, fuhr Porsche und liebte das Tempo. Er präsentierte sich als Süchtiger nach Extremen, als Mann, der das öffentliche Echo auf solche Inszenierungen braucht.

Jörg Haider war ein Politiker, der spielte und der unbedenklich alles tat, was ihm nützte. “Man kann nicht nicht kommunizieren!” – diese Einsicht des österreichischen Philosophen Paul Watzlawick galt für ihn, egal, was über ihn geschrieben wurde: «Negative Berichte sind für mich manchmal wie ein Eintauchen in einen Jungbrunnen.” Haider unterhielt ein eigenartiges Verhältnis zur Öffentlichkeit. “Ich bin mir nicht sicher”, sagte er einmal, «ob es eine ähnlich dialektische Beziehung zwischen Medien und einem einzelnen Politiker auch anderswo gibt.”

**Stets verfolgte er wilde Politikstrategien, sein Leben war ein Grenzgang zwischen Triumphen und Pleiten, zwischen Männern und Frauen. Er quälte Österreich mit einem brutalen Anti-Ausländer-Plebiszit, beschimpfte Künstler als «sektschlürfende Linkslinke», war jahrzehntelang der Ich-bin-gegen-alles-Demagoge und der erste Youtube-Politiker Europas. Der Eintritt seiner Partei in die Regierung im Jahr 2000 veranlasste die EU zu Sanktionen gegen Österreich: «Das war das Verrückteste, was Europa jemals machen konnte», sagte Haider, «das hat Brüssel demaskiert, als Linksverbinder diverser roter Socken.»

Das Geheimnis seines Erfolges? Es lag vermutlich darin, dass er der erste Rechtspopulist Europas war, der es verstanden hat, Ressentiments zu schüren und zu nutzen – und zugleich als ein fröhliches, hedonistisches Kind der modernen Welt zu sein.

Oct. 11, 2009 // 00:28 | Comments (2)