Milan Kundera - neue Dokumente belasten ihn schwer! Interview mit der Ehefrau des Kundera-Opfers.
Milan Kundera verdrängt. Verschleiert. Versteckt sich. In seiner Wahlheimat Paris ist er für niemanden zu sprechen. Vielleicht will er seiner eigenen Vergangenheit noch für eine Weile entkommen. Seit Monaten tobt ein schmutziger Kampf um Kunderas Rolle als junger Student im tschechoslowakischen Realsozialismus. Einer der bedeutendsten lebenden Romanciers Europas soll vor 59 Jahren Miroslav Dvoracek verraten haben, einen jungen antikommunistischen Aktivisten und Widerstandskämpfer.
Dvoracek wurde wegen Spionage zu 22 Jahren Haft verurteilt, der Staatsanwalt hatte sogar die Todesstrafe gefordert. Später wurde die Strafe auf 14 Jahre herabgesetzt. Dvoracek musste in Uranminen schuften, ruinierte seine Gesundheit, aber er überlebte. Nach 14 Jahren kam er frei.
Immer noch ist unklar, warum Dvoracek wirklich verraten wurde. Aus Wut? Aus Eifersucht? War der Streit um eine Frau der Auslöser? Oder war die Denunziation ein Akt reiner Anbiederung an die Kommunisten, um nicht von der Akademie gefeuert zu werden, wie Kundera gerade angedroht worden war? Mit Sicherheit kann man sagen, dass Kunderas Name samt Geburtsdatum auf einem Aktenvermerk auftaucht, der seine Anzeige zu Protokoll nahm.
1950 war Kundera Student. Und glühender Kommunist, zu einer Zeit also, als Schauprozesse, Massenverhaftungen, Straflager und Hinrichtungen in der Tschechoslowakei an der Tagesordnung waren. Stalinismus pur. Jeder bespitzelte jeden. Kundera wohnte in einem Studentenheim in Prag-Kolonka, wie Iva Militka, eine Kommilitonin. Kundera habe sie begehrt, heißt es. Doch die „politisch sehr naive Schöne“, wie sie sich später selbst beschrieb, entschied sich für einen Freund Kunderas – für Miroslav Dlask.
Der war ein überzeugter Anhänger des Apparats, einer, der für jede Schmutzar- beit zur Verfügung stand. Am 14. März 1950 bekam Iva Militka überraschend Besuch im Studentenheim: von Miroslav Dvoracek,damals zweiundzwanzig Jahre alt. Er kannte Iva Militka von früher, nach dem Putsch der Kommunisten jedoch hatte er sich nach Deutschland abgesetzt. In Bayern schloss er sich dann einer antikommunistischen Widerstandsgruppe an, die von den Ame- rikanern unterstützt wurde. Dvoracek wurde ein „Agent zu Fuß“ – ein anti-kommunistischer Widerständler, der auf eigene Faust geheimes Material hinter dem Eisernen Vorhang beschaffen sollte.
Aus der Sicht der Kommunisten war so einer ein Verräter und Agent des Imperialismus, aus westlicher Perspektive ein opferbereiter Held. Oder gab es ganz private Gründe für den tschechischen Flüchtling, ausgerechnet wieder in sein Heimatland zurückzukehren, das er unter Risiken erlassen hatte?
Gleich sein erster Auftrag sollte ihn in ein Chemiewerk nach Prag führen. Doch Dvoracek fuhr stattdessen direkt ins Studentenheim – zu Iva Militka. Was ihn zu ihr trieb? Möglicherweise die Tatsache, dass sie seine ehemalige Geiebte war. Er stellte seinen Koffer bei ihr ab, um später zu ihr zurückzukommen und bei ihr zu übernachten. Iva hatte das leicht überrumpelt akzeptiert, dann aber bekam sie offenbar Gewissensbisse und erzählte ihrem neuen Freund von dem seltsamen Schlafbesuch.
Dlask soll vor Eifersucht getobt haben, als er vom Auftauchen des einstigen Nebenbuhlers erfuhr. Stunden später wurde der Rückkehrer verhaftet, denunziert von einem Studenten namens Milan Kundera. Bat Dlask seinen Freund Kundera um einen schmutzigen Freundschaftsdienst, damit er in den Augen seiner Freundin nicht als mieser Verräter dastand? Alles spricht dafür. Dlask kann nicht mehr befragt werden. Er verstarb vor einigen Jahren und nahm das Geheimnis mit ins Grab.
Auch Iva Militka, heute 79, kann die Frage nicht schlüssig klären. Sie fühlte sich 59 Jahre lang schuldig, weil sie vom Besuch aus Bayern erzählte: „Der Gedanke meiner Schuld, mit dem ich so lange habe leben müssen, war schreck lich“, sagt sie heute.
Bis zum vergangenen Herbst wusste sie nicht, dass es ein anderer war, der den Agenten ans Messer lieferte: Milan Kundera. „Aus dem Originalprotokoll vom 14. März 1950 geht das eindeutig hervor“, beruft sich Jiri Reichel, Sprecher des Prager „Instituts zum Studium totalitärer Regime“ – eine Art tschechische Birthler- Behörde – auf eine vergilbte Polizeiakte.
Nun veröffentlichte die Prager Tageszeitung Lidove noviny ein weiteres Dokument aus dem Jahr 1952, in welchen der damalige Vize-Minister für nationale Sicherheit, Jaroslav Jerman, den Fall Dvoracek lobend erwähnt. Jerman schildert darin, wie es «dank der Zusammenarbeit mit unseren Bürgern immer besser gelinge, unsere Feinde zu entlarven. Als Beispiel nennt er die Festnahme Dvoraceks und zitiert das Polizeiprotokoll, wonach der Student Kundera den Aufenthaltsort preisgegeben habe.
Mit dieser wiedergefundenen Vorlesung Jermans ist es für den tschechischen Historiker Petr Koura praktisch ausgeschlossen, dass die Polizeiermitteilung vom März 1950 im Nachhinein gefälscht worden sei.
Ausgerechnet Kundera ein Denunziant?
„Um 16:00 Uhr dieses Tages denunzierte ein Student namens Milan Kunde- ra, geboren am 1. April 1929, in Brünn, Miroslav Dvoracek“, bekräftigt Reichel. Das Archivmaterial sei Dutzende Male geprüft worden, beteuert er. Es sei praktisch ausgeschlossen, dass es sich um eine Fälschung handele. Aufklärung in diesen vertrackten Fall aus Verrat und Niederlage könnte somit nur Milan Kundera bringen. Doch der hat jene virtuose Leichtigkeit verloren, mit der er die Atmosphäre des kommunistischen Systems beschrieb. Seit das Protokoll der Denunziation an die Öffentlichkeit gelangt ist, raffte er sich bloß zu kurzer Empörung auf: „Das ist alles eine Lüge“, ließ er via tschechischer Nachrichtenagentur „CTK“ ausrichten, „ein Attentat gegen einen Autor. Ich kenne Miroslav Dvoracek gar nicht, habe auch nie mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet.“ Eine kalte Reaktion. Emotionslos. „Schade, dass er sich den Tatsachen nicht stellt“, ärgert sich Institutssprecher Jiri Reichel über die Ausweichmanöver des Autors, „wir wollen die historische Wahrheit; ein Ich war’s nicht‘ reicht da nicht aus!“
Kundera will schon seit Jahrzehnten mit seiner alten Heimat nichts mehr zu tun haben. Sein Gang ins französische Exil 1975 war der Abbruch aller Brücken nach Prag. Selbst seine Muttersprache ließ der Schriftsteller, den „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ weltberühmt gemacht hatte, hinter sich. Seit zwanzig Jahren schreibt er nur noch auf Französisch. Reist er nach Prag, so tut er das in- kognito, steigt unter falschem Namen ab. Ein Verhalten, das bisher als Schrulligkeit eines Schriftstellers abgetan wurde. „Jetzt aber“, kommentierte das tschechische Magazin Respekt, „haben wir möglicherweise den Schlüssel zum besseren Verständnis von Kundera gefunden – es ist der dunkle Fleck in seiner Vergangenheit.“
“Er ist feige”! Für die achtzigjährige Marketa Dvoracek, gebürtige Tschechin, Mathematikerin und Computerexpertin, sind all diese „schwülstigen Erklärungsversuche blanker Unsinn“: „Es ist einfach feige!“,Für die achtzigjährige Marketa Dvoracek, gebürtige Tschechin, Mathematikerin und Computerexpertin, sind all diese „schwülstigen Erklärungsversuche blanker Unsinn“: „Es ist einfach feige!“, klagt sie im Cicero-Interview an. Sie und ihr Mann leben heute in Göteborg in Schweden, in einem kleinen Einfamilienhaus. Miroslav Dvoracek ist gesundheitlich nicht mehr in der Lage, die Anklage gegen Milan Kundera zu kommentieren. Er kann nicht mehr sprechen. Auch nicht mehr schreiben. Nach mehreren Schlaganfällen ist er halbseitig gelähmt, muss schwere Medikamente nehmen. Aber er kann noch sehen. Hat das Protokoll, das den Schriftsteller belastet, durchgelesen. Zeile für Zeile. Er wird somit nicht sterben, ohne zu wissen, wer ihn damals verraten hat: „Es interessiert ihn nur nicht mehr“, sagt Marketa Dvoracek verbittert. „Die Wahrheit kommt leider zu spät …“ (www.cicero.de)
Interview mit der Ehefrau des Opfers
Marketa Dvoracek hat lange Zeit gezögert, ob sie Causa Kundera etwas sagen will. Nun hat sie ihr Schweigen gebrochen, alle meine Fragen beantwortet.
Das Interview!
Karl Wendl: Vor etwa einem halben Jahr publizierte das „institut für Studien totalitärer Regime in Prag” einen Geheimdienstreport aus den fünfziger Jahren, der enormes Aufsehen in Europas Kulturszene erregte. Darin wird der tschechische Autor Milan Kundera beschuldigt, ihren Mann 1950 verraten zu haben. Haben Sie jemals mit ihrem Mann über dieses Dokument sprechen oder auf einem anderen Weg mit ihm über diesen Report kommunizieren können?
Marketa Dvoracek: Ja, er war in der Lage, den Report zu lesen, aber es ist ihm inzwischen egal, wer der wahre Schuldige ist. Vielleicht klingt das zynisch, aber wir haben keine Botschaft an irgendwelche Menschen. Jene, die an Geschichte interessiert sind, können ihre eigenen Schlüsse ziehen. Und jene, die das nicht tun, kümmern sich ohnehin nicht darum …
Wendl: Ihr Ehemann leidet noch immer an den Folgen eines Gehirnschlags im Juni vergangenen Jahres. Sie sagten, er habe sein gesamtes Sprechvermögen verloren. Wie schlimm ist sein Zustand wirk- lich?
Dvoracek: Er kann weder reden noch schreiben, dieser Zustand hat sich seither nicht verändert. Inzwischen kann er zumindest ein wenig lesen. Physisch hat er sich zwar gut erholt, nachdem seine rechte Seite eine Zeit lang völlig gelähmt war. Im Dezember vergangenen Jahres ist aber ein schwerer epileptischer Anfall hizugekommen. Seither muss er Antiepileptika schlucken sowie Kortison gegen seine Blutarmut. Vor etwa zwölf Jahren wurde Mike von einem Tag zum anderen schwer krank. Diagnose: Blutarmut. Viele Wochen hat er im Krankenhaus verbringen müssen, enorme Dosen Kor- tison bekommen, aber die haben geholfen. Eigentlich steht er seit damals ständig unter medizinischer Kontrolle. Die Krankheit dürfte wohl eine Spätfolge seiner Zwangsarbeit in den Uranminen sein, er war dort ständiger radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Die Ärzte meinen, es sei durchaus üblich, dass die Krankheit erst 30 bis 50 Jahre später ausbricht. Die meisten von Mikes Mitgefangenen sind längst an Krebsoder ähnlichen Erkrankungen gestorben.
Wendl: Milan Kundera hat den Verrat an ihrem Mann heftigst bestritten: „ich protestiere auf das Schärfste gegen diese An- schuldigungen, die reine Lügen sind”, hat er gesagt, „ich kenne diesen Mann gar nicht.” und: „das ist ein Attentat auf einen Autor … ich habe nicht für die Geheimpolizei gearbeitet.” Was halten Sie von Milan Kunderas Reaktion?
Dvoracek: Ich denke, dass es eine sehr feige Reaktion war. Selbst wenn er wirklich unschuldig sein sollte, hätte er mehr Mitgefühl zeigen können, anstatt bloß Angst vor den Auswirkungen auf seinen Ruf als Autor zu haben.
Wendl: Der Kalte Krieg ist längst vorbei, der Eiserne vorhang vor 20 Jahren gefallen. Hat Milan Kundera jemals den versuch unternommen, Kontakt mit ihnen oder ihrem Mann aufzunehmen, um die Sache zu klären?
Dvoracek: Absolut nicht!
Wendl: Sie haben einmal gesagt, Sie seien keineswegs überrascht, dass Milan Kundera von tschechischen Medien als Verräter geoutet wurde. Und: „Kundera ist ein guter Schriftsteller, aber ich mache mir keine illusionen über ihn als Menschen …” Was haben Sie damit sagen wollen?
Dvoracek: Ich habe in den Fünfzigern viele getroffen, die so waren wie Kundera. Deshalb mache ich mir keine Illusionen über ihn … Viele Tschechoslowaken waren 1950 fanatische Unterstützer des kommunistischen Regimes, wie Milan Kundera auch. Nach 1968 änderten sie ihre Meinung, wurden Wendehälse, predigten Freiheit. Ich spüre keine Sympathie für jene, die 1968 blitzartig die Seiten gewechselt haben. Ich und viele meiner Freunde (viele waren damals sehr viel jünger als Kundera, Vaculik, Pelikan, Kohout …) haben gesehen, was das kommunistische Regime in den Fünfzigern angerichtet hat, als unschuldige Menschen eingesperrt wurden oder sogar hingerichtet wie Milada Horakova.
Wendl: Ihr Mann arbeitete für den antikommu- nistischen Widerstand, als er verraten wurde. damals war er 22 Jahre jung. der Staatsanwalt forderte die Todesstrafe, später wurde er zu 22 Jahren Kerker verurteilt, wovon er 14 Jahre absitzen musste. Wie viele politische Gefangene wurde auch ihr Mann in Arbeitslager geschickt, er schuftete in Uranminen. Wie hat ihr Mann diese Zeit überstanden?
Dvoracek: Er ist sehr robust, so konnte er überleben. Im Januar 1963 kam er dann frei. Schon damals wollte er die Tschechoslowakei verlassen, aber er hatte keine Chance bis 1968. Erst im Herbst 1968 ist er dann rausgekommen und nach Kanada gegangen – Tschechoslowaken haben für die Einreise nach Kanada keinen Reisepass gebraucht. Zu mir nach Schweden, wo ich als Mathematikerin arbeitete, ist er 1975 gekommen.
Wendl: Hat die tschechische Regierung jemals versucht, Regime-opfer zu entschädigen?
Dvoracek: Nein, er hat bis heute nichts be- kommen.
Wendl: Ihr Mann war 58 Jahre davon überzeugt, seine damalige Studienfreundin Iva Militka habe ihn verraten. Sie ist heute 79 Jahre alt, hat Jahrzehnte darunter gelitten, für die Verhaftung ihres Mannes verantwortlich gewesen zu sein …
Dvoracek: Iva Militkas Vater war einer seiner Lehrer an der Hochschule. Für Mike, seine Eltern und seinen Bruder war stets klar, dass Iva Militka irgendjemandem über seinen Besuch erzählt haben muss – entweder erzählte sie es direkt der Polizei oder jemandem, der dann die Polizei kontaktierte. Das macht aber keinen Unterschied, schließlich hat sie das gegenüber ihrer Familie auch zugegeben. Ihr Vater war darüber sein ganzes Leben unglücklich und am Boden zerstört.
Wendl: Im Gegensatz zu Deutschland steht die Aufklärung der Verbrechen hinter dem eisernen vorhang in Tschechien erst am Anfang. Was erwarten Sie von der tschechischen Regierung?
Dvoracek: Es wurde noch nicht viel getan. Ironischerweise liegt das größte Augenmerk auf jenen Personen, die ihre Farben 1968 geändert haben.
Wendl: Werden Sie und ihre Familie jemals nach tschechien zurückkehren?
Dvoracek: Nein, niemals.
Oct. 22, 2009 // 11:12 | Comments (0)
