Margot Honecker - mein Treffen mit der mächtigsten Frau der DDR.
Es hilft, sein Leben lang dieselben Gefühle zu bewahren .
Als ich kurz nach dem Fall der Mauer 1989 aufregt in die DDR reiste, suchte ich nach Feinden. Ich sollte DDR-Politiker und mächtige Kombinatsdirektoren interviewen,die in Bitterfeld, Suhl, Dresden, Halle, Erfurt und Ost-Berlin mit katastrophaler Unternehmenspolitik ein ganzes Volk in den wirtschaftlichen Totalschaden geführt haben.
Ich fand ein Land im Zorn . Die Menschen fühlten sich von Ihrer Führung verschaukelt. Jahrzehnte haben sie geschuftet – damit es den Bonzen gutging. Sie glaubten an die Partei – und wurden hintergangen. Jetzt standen sie vor den Trümmern dieser Misswirtschaft.
Aber sie waren frei .
Nie werde ich den Moment vergessen, als ich im dichten Schneetreiben durch Erfurt irrte. Es roch nach Braunkohle und Zweitaktbenzin. Hallo, hallo tönte es lässig-locker aus dem Autoradio, wir haben jetzt echte Medien, haha, wirkliche Medien.
Danach spielte TT64, atemberaubender Jugendsender des DDR-Radios, einen guten Beitrag über avantgardistische japanische Rockmusik.
Wochen zuvor wäre der Moderator dieser Sendung seiner lockeren Sprüche wegen von der Staatssicherheit verfolgt oder zumindest gefeuert worden. Plötzlich schien alles anders. Die Rasanz und der Galgenhumor, wie im ehemaligen Arbeiter-und Bauernstaat über die Zustände von gestern und die Perspektiven von morgen laut nachgedacht wurde, war atemberaubend: «Hallo, Margot, kannst 'mich hören», sagte der Moderator mit der schrillen Stimme, «in welchem Briefkasten liegt unser Volksvermögen?». Dann wieder gute Musik, flotte Meldungen. Überall klang eine unglaubliche Erleichterung und Offenheit mit, schnell hatte ich den Eindruck, als hätten die Moderatoren nie anders gesprochen oder sprechen müssen. Dabei war das «früher» gerade einige Momente her- der Mauerdurchburch vom 9.November 1989.
Schlagartig war nichts mehr gleich in diesem 17 Millionen Einwohnerland. Übereinstimmung mit der politischen Führung war nicht mehr das höchste irdische Gut. Selbstbewußtsein und Angst wechselten quasi über Nacht die Besitzer.
Honecker, Stasi, Trabi – alles weg. Was blieb war unglaubliche Euphorie und der Hass und die Welle der Empörung über den Betrug, den Erich und Margot Honecker und ihre Clique jahrzehntelang am Volk durchgezogen haben .
Treffen mit Margot Honecker
Seit damals wollte ich jene Frau treffen, die mehr als Vierteljahrhundert lang – von 1963 bis zum Herbst 1989 – DDR-Volksbildungsministerin war – Margot Honecker (82). Sie war die mächtigste Frau der DDR und gefürchtet, man nannte sie Lila Drache. Töpfchendiktatur, Wehrerziehungslager, die Augen stramm nach links und Pionierlieder auf den Lippen – so erinnerten sich die Menschen in der DDR an die alte Hexe.
Ich wollte wissen, wie die Alt-Genossin wirklich ist .
Margot Honecker lebt seit 1992 mit ihrer Tochter und zwei Nichten zurückgezogen im Exil in Chile. Versteckt sie sich in Ihrer Wohnanlage in Santiago, lehnt jede Interviewanfrage ab. Ihr Mann starb 1994 ein Leberkrebs.
Durch Zufall erfuhr ich im Juli 2008, dass der Altrevolutionär und Neupräsident Nicaraguas, Daniel Ortega, Margot Honecker einen Orden verleihen wird.
Ortega hatte nicht vergessen, dass Genosse Honecker nach dem Sturz des Diktators Anastasio Somoza seine erste sandinistische Regierung aufopferungsvoll unterstützt hatte. Auch ganz persönlich half Erich Honecker: So stelle er Ortega das Regierungsflugzeug der DDR für Fernreisen nach Osteuropa zur Verfügung, schnell und immer besuchte Ortega dann auch Ost-Berlin.
Als Dank dafür wollte Ortega Erich Honecker posthum den Ruben Diario-Orden (nicaraguanischer Schriftsteller und Diplomat, 1867 bis 1916) verleihen. Margot Honecker sollte den Orden für Ihren Mann aus Ortegas Hand entgegennehmen.
Niemand konnte damals sagen, ob Margot Honecker tatsächlich von Santiago nach Managua reisen werde.
Ich flog dennoch nach Nicaragua. Wollte wissen, weshalb Honecker in Lateinamerika verehrt, beklatscht und gefeiert, während sie in Deutschland auch 20 Jahre nach dem Mauerfall noch immer verhasst und verachtet wird. Ausserdem sollte die Ordensverleihung Margot Honeckers erster öffentlicher Auftritt werden, seit sie 1992 nach Chile geflüchtet war.
Managua kochte an diesem Tag. 34 Grad, extreme Luftfeutigkeit. Im Zentrum der Stadt das Hotel Crowne Plaza, das Regierungshotel. In der gekühlten Lobby entdeckte ich Margot Honecker. Klein, schlank, kurzes weißes Haar, zerfurchtes Gesicht. Sie war gut gelaunt, wirkte kerngesund. Ich ging auf sie zu, sie zuckte zusammmen. Als sie die Kamera sah, fauchte sie: Nein, kein Interview, wehrte sie ab. Was solle sie auch zu Deutschland sagen, fragte sie. «Kommen Sie doch zur Ordensverleihung, Sie werden hören, welche Botschaft ich habe ...» Sagte es und verschwandt.
Stunden später, Plaza de la Revolucion . Zehntausende Menschen tobten vor einer mächtigen blumengeschmückten Bühne. Aus Lautsprechern dröhnte Revolutionsmusik: Es lebe Nicaragua, es lebe der Sozialismus, peitschte die rassige Rosario Murillo die Massen ein. Sie ist die Ehefrau des nicaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega. Neben Ortega: Venezuelas Präsident Hugo Chavez, der Amerika-Hasser.
** Margot Honecker in der ersten Reihe trug einen weißen Hosenanzug, braunes T-Shirt. Sie sang, winkte, strahlte. Die Hilfe Honeckers sei solidarisch, besonders und liebevoll gewesen, gab Ortegas Frau und Sprecherin Rosario Murillo zum Besten. Und Außenminister Samuel Santos entblödete sich nicht, die Frau eine lebende Legende zu nennen.
Da reckte sie wieder ihre Faust! Präsident Ortega ging strahlend auf sie zu, sagte, während er Honecker umarmte: «Ihr Mann war so solidarisch, so besonders, so liebevoll zum freien Volk von Nicaragua. Stellvertretend für ihn überreiche ich ihnen, Senora Margot ', den Orden. "
Die Menge tobte, als Präsident Ortega Margot Honecker den goldenen Orden am blau-weiß-blauen Band an die Brust steckte. Ortega küsste sie links, rechts, links. Dann wurde sie stürmisch von Hugo Chavez umarmt. Ein bizarres Schauspiel. Als hätte es das SED-Schreckensregime und die Toten an der Mauer nie gegeben.
Margot Honecker reckte dankend die geballte Faust, rief mit Tränen in den Augen: Es lebe die Revolution, es lebe Nicaragua! Vier Stunden dauerte das Spektakel. Klatschend hielt Margot Honecker bis zur letzten Rede durch. Gegen 21 Uhr kam sie zurück ins Hotel. An der Brust der goldene Orden. Stolz sagte sie zu mir: «Das ist eine Ehrung für jene, die solidarisch waren mit anderen. Es war ein schönes, bewegendes Fest. "
Dann stieg sie lächelnd in den Lift.
Margot Honecker hat nichts gelernt. Sie glaubt noch immer «an die schöne Zeit (...) in unserer DDR». Sie träumt weiter von der Roten Revolution, singt deutsche Kampflieder, ist felsenfest davon überzeugt, dass die Idee der DDR gut gewesen und nur schlecht umgesetzt worden sei.
Für sie war der Fall der Mauer nicht die Wende, sondern Verrat .
Ich war nicht unglücklich darüber, dass Margot Honecker kein Interview gegeben hat. Ich verließ Managua erleichert, dachte mir – manchmal reicht es, Feinde gesehen zu haben.
Nov. 09, 2009 // 09:26 | Comments (0)
