Muammar Gaddafi und der Heilige Krieg! Warum der alternde Fantasieoberst noch immer gefährlich ist!
Haben Politiker empört aufgeheult, als Libyens Revolutionsführer Muammar Gaddafi kürzlich der Schweiz den Heiligen Krieg erklärt hat?
Ich habe nichts davon bemerkt!
Österreichische, deutsche und alle anderen EU-Politiker sprachen bloss von „ungewöhnlicher“ Wortwahl, nicht mehr.
EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton, die Frau, die auch heute noch keiner kennt, beklagte lediglich den „unglücklichen Zeitpunkt“, den der libysche Revolutionsführer für seinen Dschihad-Aufruf gewählt hat.
Wann wäre denn ein Aufruf zum Massenmord passend, Frau Ashton?
Im Frühling? Im Sommer? Zu Weihnachten? An einem langen Einkaufssamstag?
Man ist geneigt, die Verrückten der Weltpolitik mit Ignoranz zu strafen.
Egal, ob es der Nordkoreaner Kim Jong-il ist, der größenwahnsinnige Venezulaner Hugo Chávez oder Irans Mahmud Ahmadinedschad. Die Weltpolitik nimmt Droh-Freaks scheinbar nicht mehr ernst. Betrachten sie bloss noch als Exzentriker, die sich durch ständige Provokation verbissen an der Macht halten.
Doch – birgt diese Passivität nicht eine unglaubliche Gefahr in sich?
Gaddafi ist und bleibt unberechenbar.
Seit 40 Jahren ist der Fantasieoberst nun an der Macht.
Weder Mao, noch Stalin waren länger im Amt als er. Nur Fidel Castro kann auf eine um zwei Jahre längere Amtszeit zurückblicken, wobei der Begriff Amtszeit eigentlich falsch ist – Gaddafi hat gar keine offizielle Position. Er ist weder gewählter Präsident, noch Parteichef, noch Staatschef. Er ist bloss Oberst, Revolutionsführer. Mächtigster Mann im Staat. Der Einzige, der entscheidet. Das reicht. Bis heute.
Am 1. September 1969 putschte er in Tripolis als blutjunger Hauptmann gegen den ungeliebten und unfähigen König Idriss. Machte kurzen Prozess mit dessen „Weißer Garde“, eine Machtergreifung, die leicht fiel. Gaddafi verkörperte damals jenen Geist islamischen Siegesbewußtseins, jenen revolutionär-religiösen Taumel, der Moslems mitreißt. Sein Habitus strahlte Geheimnisvolles aus, Verwirrendes. Er war ein schöner Mann. Groß, kräftig, ausdrucksvoller Beduinenkopf, sympathische Jugendhaftigkeit, katzenhafter Gang. Sein brennend starrer Blick hatte ständig etwas Gehetztes.
Heute ist Gaddafi ein alternder Exzentriker, ein Politik-Komödiant in schrillen Phantasieuniformen. Die Gesichtshaut lasch, die Lippen hängend, die Augen verquollen, eine Mischung aus Frank Zappa und auftoupierter, alternder Barfrau. Ein Schatten seinerselbst.
Bloss sein schrilles Erscheinungsbild erinnert noch an den Revolutionär von damals, als er versuchte, seine eigene Nation in eine egalitäre, islamische Gesellschaftsform einzuschmelzen. Noch heute wohnt er bei seinen Auslandsreisen im Beduinen-Zelt. Noch heute muss ihm seine ausschließlich weibliche Leibgarde Kamelmilch servieren, täglich frisch eingeflogen aus der Sahara.
Öl und Gas und dennoch kein reiches Land!
Gaddafi brachte seinem Volk keinen Reichtum. Er stattete sein Land lediglich mit nationaler Arroganz aus, doch das reichte nicht zur Führerschaft in der arabischen Welt und in Afrika. Zwar muss in Libyen niemand Hunger leiden, aber der Lebensstandart ist niedrig, Infrastruktur und Löhne sind nicht mit Dubai zu vergleichen. Sein Projekt, aus Libyen (nur sechs Millionen Einwohner) eine geschlossene Vorhut der arabischen und islamischen Wiedergeburt zu machen, ist gescheitert. Und das, obwohl eine Laune der Geologie im tripolitanischen Boden Gaddafi alle erdenklichen Möglichkeiten gegeben hat – Libyen verfügt über immensen Erölreichtum, exportiert fast ebenso viel Öl pro Kopf wie Saudi Arabien.
Gaddafi wuchs in der Sahara auf. Als Kind armer Beduinen. Die Wüste war sein Zuchtmeister, sein Zelt sein Schloß. Als Schüler wurde er mißachtet, vernachlässigt. Hatte kaum Chancen gegen die Söhne wohlhabender und arroganter Feudalherren. Daraus wuchs sein brennendes Bedürfnis nach Macht und sozialer Gleichmacherei, eine Beschreibung, die in Biographien vieler Revolutionäre zu finden ist: „In der Einsamkeit zwischen Sand und Firmament entstand sein fanatisches Verlangen nach Abrechnung mit der korrupten und gottlosen Welt.“, analysiert Gaddafi-Kenner Peter Scholl-Latour.
Mit Terror zum Weltfeind!
Dieses prophetische Sendungsbewusstsein machte Gaddafi zum Motor jeder Form revolutionären Umsturzes. Jahrzehntelang pumpte der Oberst als Spinne im weltweit verzweigten System des Terrors Geld in Tod und Vernichtung. Er finanzierte die moslemischen Terroristen in Mindanao und palästinensische Bomber. Seine Emissäre unterstützten die Mörder der „irisch-Republikanischen-Armee“, die Bomber der ETA, die Killer der RAF in Deutschland, die OPEC-Geiselnehmer in Wien.
Wo immer Blutvergießen entstand, waren Gaddafis Männer nicht weit. So auch am 21. Dezember 1988. Damals schmuggelten libysche Geheimagenten unter Führung von Gaddafi-Agent Abdel Bassit Ali Mohammed al Megrahi eine Höllenmaschine an Bord des PanAm-Jumbos „Maid of the Seas“. 38 Minuten nach dem Start der Maschine mit Ziel New York detonierte die Zeitbombe in 10.000 Meter Höhe über der schottischen Ortschaft Lockerbie. Alle 259 Menschen an Bord sowie elf Bewohner des Marktfleckens kamen bei dem Anschlag ums Leben. Al Megrahi, der Mann, der dieses Inferno ausgelöst hat, wurde erst vor wenigen Monaten in Tripolis frenetisch gefeiert, der Mob gebärdete sich hysterisch, nachdem die Schotten ihn freigelassen haben. Gaddafi begrüßte den Massenmörder mit Bruderkuss. Die Schotten haben ihn nach Hause geschickt, weil er angeblich an Prostatakrebs leidet. Und das schottische Recht im Falle einer todbringenden Erkrankung die Begnadigung eines Verurteilten zulässt.
Gaddafi hätte zumindest damals Pietät gegenüber den Hinterbliebenen zeigen können, doch dazu fehlt ihm bis heute das nötige Gespür. Er empfing al Megrahi wie einen Staatsgast und niemand regte sich sonderlich auf.
Gaddafi und das Geschäft mit der Geiselnahme!
Gaddafi hat nach den Anschlägen von 9/11 öffentlich dem Terror abgeschworen. Ein Mann wie er kann aber seine Gefühle, seine Vergangenheit, nicht auswechseln. Schließlich versteht das Geschäft der Geiselnahme keiner besser als er. Auch heute noch.
Zuerst hielt er jahrelang bulgarische Krankenschwestern fest, weil diese libyschen Kindern absichtlich aidsverseuchte Blutkonserven verabreicht haben. Die Krankenschwestern wurden zum Tode verurteilt, in Straflager geschickt, Psychoterror pur. Zuletzt begnadigte Gaddafi die bedauerswerten Frauen. Er brauchte Handlungsspielraum bei Gesprächen mit der EU und Brüssel ging in die Knie. Jetzt führt Gaddafi die Schweiz vor. Seit fast zwei Jahren sitzen in Tripolis zwei Schweizer Geschäftsleute fest, der Direktor von ABB-Libyen und der Nestle-Generalmanager. Die Verhaftung erfolgte auf Anweisung Gaddafis. Die Geiselnahme ist ein reiner Racheakt gegen Bern.
Was war passiert?
Die Genfer Polizei hatte im Juli 2008 Gaddafis Sohn Hannibal (das fünfte von acht Kindern) festgenommen. Hannibal Gaddafi, ein Raufbold, der schon mehrmals mit der Polizei in Konflikt geraten ist, war damals mit seiner Frau Aline Ghadhafi und seinem dreijährigen Sohn nach Genf gereist, standesgemäß im privaten Airbus. Aline war in der 35. Woche schwanger, sollte in einer Genfer Klinik ihr zweites Kind zur Welt bringen. Das Paar quartierte sich im noblen Hotel „President Wilson“ ein, Crown Suite.
Am 12. Juli wählte eine der Gaddafi-Angestellten von der Suite aus den Polizeinotruf. Die Frau, eine Tunesierin, schilderte unter Tränen, dass sie und der Hausdiener, ein Marokkaner, systematisch von Hannibal Gaddafi mit Gürteln und hölzernen Kleiderbügeln traktiert werden. Auch Faustschläge seien an der Tagesordnung: „Wir werden wie Sklaven gehalten!“ Sie erzählte der Polizei auch, dass Hannibal jeden Abend ausgeht, betrunken zurückkommt und sich heftig mit seiner schwangeren Frau streitet. Die Genfer Polizei stellte Vorführbefehle gegen das Paar aus. Eine Spezialeinheit stürmte die Suite (acht Leibwächter), Hannibal Gaddafi wurde in Handschellen abgeführt, seine hochschwangere Frau ins Spital gebracht. Erst zwei Tage später wurden sie gegen Kaution freigelassen. Revolutions-Führer Gaddafi brachte das so in Rage, dass er einen beispiellosen Rachefeldzug gegen die Schweiz lostrat. Libyen zog seinen Botschafter aus Bern ab, Schweizer Staatsbürger erhielten keine Visa mehr für Libyen, die Öllieferungen in die Schweiz wurden gestoppt, sämtliche Schweizer Konzerne in Libyen mussten ihre Niederlassungen schließen. Das reichte aber noch nicht. Schließlich ließ Gaddafi beiden Schweizer Geschäftsleute in Tripolis festnehmen, als Faustpfand.
Bis die Schweiz sich beim ihm und seinem Sohn entschuldige. Tatsächlich flog auch der Schweizer Bundespräsident Hans-Rudolf Merz nach Tripolis, entschuldigte sich für das Verhalten der Genfer Polizei.
Eine Wahnsinn-Aktion, zumal sie weder mit der Regierung, noch mit dem Schweizer Aussenministerium abgesprochen war.
Ein Kniefall, der zur Frace geriet, zur Gaddafi-Vorführ-Show. Der Wüstensohn ließ den Eidgenossen kalt abblitzen, der Präsident musste ohne Geiseln nach Hause fliegen.
Eine Demütigung der Sonderklasse.
Und nun das Ausrufen des Heiligen Krieges! Was muss der Verrückte eigentlich noch machen, um die Weltgemeinschaft reagieren zu lassen?
