Die Karriere des Niko Pelinka - ein Austro Lehrstück. 26,Dec. 2011

Die Tageszeitung ÖSTERREICH berichtete kürzlich über «Unruhe und Empörung bei ORF-Journalisten über die Installierung von Niko Pelinka zum Büroleiter von ORF-General Alexander Wrabetz».

Nun, ab sofort sitzt Niko Pelinka am Küniglberg, der Leiter des SPÖ-»Freundeskreises» im ORF-Stiftungsrat und enge Vertraute von SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas, hat es geschafft.

Vor genau einem Jahr schloß Pelinka noch einen Wechsel in den ORF klar aus.

Positionsflexibilität nennt man das.

Was Pelinka bisher so getrieben hat, las ich kürzlich auf der Webseite http://realkanal.wordpress.com. Ein perfektes Lesestück über Austrorealitäten:

«Vielernorts ist zu lesen, daß der SPÖ-Zögling Nikolaus „Niko“ Pelinka, schon mit 23 Jahren (Anm.: Jahrgang 1986) sein „Studium“, und das neben diversen politischen Spitzenfunktionen, absolviert habe. Doch was der Sohn von Ex-Arbeiterzeitung-, News- und ORF-Journalist Peter Pelinka genau studiert hat oder gar ein Lebenslauf des SPÖ-Spitzenfunktionärs ist kaum zu finden.

Wir haben uns bemüht und sind fündig geworden: nach der Matura hat Pelinka im PR- und Journalismusbereich gearbeitet (für SPÖ, chilli.cc, Der Standard), was ihm in weiterer Folge den Besuch eines 2-jährigen berufsbegleitenden Universitätslehrgangs für „Politische Kommunikation“ an der Donau-Uni Krems ohne Vorstudium ermöglicht hat (BMUKK News 1/2007, S. 5).

Dieses Weiterbildungsprogramm („Teilnahmegebühr“: 14.900 EUR) schließt zwar mit dem akademischen Grad „Master of Science“ ab, ist aber mitnichten ein ordentliches Studium (vgl. Mayer-Kommentar zum UG2002).

Interessant sind auch die personell-institutionellen Zusammenhänge dieses Lehrgangs: Kooperation mit der SPÖ-Parteiakademie „Renner-Institut“ und „ReferentInnen“ wie Doris Bures (früher SPÖ-Frauenministerin, jetzt SPÖ-Verkehrsministerin), Lothar Lockl (Ex-Grünen-Bundesparteisekretär und Ehemann der ORF-Journalistin Claudia Reiterer, die ihrerseits dem „Bund Sozialdemokratischer AkademikerInnen“ Steiermark – zumindest – verbunden ist) sowie der rote Ex-ORF-Boss Gerhard Weis – ÖVP-FPÖ-BZÖ-Funktionäre stehen jedenfalls nicht auf dieser Liste. Darüber freut sich vielleicht der Onkel, Anton Pelinka – ordentlicher Universitätsprofessor für Politikwissenschaft, aber was würde er zum „Studium“ des Neffen sagen?

Letztlich spielt das natürlich alles kaum eine Rolle, denn gut eingewoben in das familiäre SPÖ-Netzwerk braucht sich Niko keine Sorgen um Karriere zu machen: Pressesprecher der Bildungsministerin war er schon, dann ist er zulasten eines langgedienten SPÖ-Mannes in den ORF-Stiftungsrat gehievt worden um danach weich und sicher als „Polit-Lobbyist“ bei den ÖBB zu landen. Nun sitzt er am Küniglberg, demnächst wird er ORF-Generalsekrtär sein.

Sollten dennoch alle Stricke reißen, bleibt ihm ja noch das Netzwerk der „Junge Roten“ um Laura Rudas, ein Sammelbecken für derartige Biographien. In Anbetracht des vergleichsweise hohen Apparatschikfaktors von Nikolaus Pelinka, gibt sich die Presse relativ zurückhaltend. Ob das mehr daran liegt, daß sein Lebenslauf und Netzwerk die narzisstische Journalistenklasse dennoch beeindruckt oder eher eine gewisse Sympathie für Journalistensöhne vorliegt, mag jeder selbst entscheiden. Wenn beides zuträfe, wäre das jedenfalls kein Widerspruch.»

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Gaddafis Leiche wurde im Kühlhaus ausgestellt - das empörte. 30,Oct. 2011

Das ist Positionsflexibilität: BILD-Mann Franz Josef Wagner schrieb über die Debatte um die Bilder der Gaddafi-Leiche: „…In unserer Welt zieht man den Reißverschluss des Leichensacks zu. Wer immer auch tot ist, hat seine Würde.”

Bemerkenswert, schließlich schrieb doch Wagner im Mai 2011, als es um die (Nicht)Veröffentlichung der Fotos der Leiche von Osama Bin Laden ging: „Ich denke, man sollte den toten Bin Laden der Welt zeigen. Sein zerschossenes Gesicht gehört zu den Bildern von 9/11.” Und in einem anderen Beitrag: «Osama bin Laden ist tot. Amerika feiert. Drei Jubel-Feiern hätte ich in meinem Leben gerne erlebt. Hitler erschossen, Stalin erschossen, Gaddafi erschossen.” Tja, so ändern manche eben schnell ihre Meinung.

Gaddafi wurde durch einen gezielten Kopfschuß ermordet. Von den Rebellen, die wir so gerne als strahlende Sieger feiern.

Ich habe die Leiche Gaddafis gesehen.

In einem schäbigem Kühlhaus am Fleisch- und Gemüsemarkt in der Stadt Misrata, 200 km östlich von Libyens Hauptstadt Tripolis. Sie stellten den toten Gaddafi aus. Wie eine Sensation. Wie ein Trophäe. Und sie jubelten dabei, beklemmend. Ein schreckliches, einzigartiges Schauspiel. Ähnlich gruselige Bilder gab es weder von Mao, Stalin, oder vom rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu. Der afrikanische Gemüse- und Fleischmarkt liegt etwas außerhalb von Misrata. Normalerweise wird hier Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch gelagert und gehandelt.

Es war Samstag, 22. Oktober, 11 Uhr und brütend heiß. Vor der Einfahrt zum Markt eine Menschenschlange, hunderte Männer, Barden, alle wollten sie Gaddafi sehen, dass Monster bestaunen: „Er hat meine beiden Söhne ermordet!“, schrie ein älterer Mann. „Ich möchte sehen, wie der Mörder meiner Kinder aussieht.“ Das schwere Eisentor ging auf, ich wurde durchgeschoben. Es ging vorbei an zwei Hallen und mehreren Dutzend Rebellen mit Maschinengewehren und Kalaschnikows. Es roch süßlich, überall Fliegen.

Die Männer wollten mich zuerst nicht durchlassen, doch ich ging einfach weiter, kam zu einer schmalen Betonrampe, die zu einer offen Eisentür führte.

Die Rebellen schoben mich durch, ich stand in einem kahlen, schmutzigen, kalten Raum. Zuerst realisierte ich es gar nicht, aber auf einer schmutzigen Matratze, am blanken Stahlboden des Kühlraumes lag Oberst Muammar Gaddafi. Direkt vor mir. Direkt zu meinen Füßen. Er war mit einer speckigen, bläulichen Decke zugedeckt. Sein nackter Oberkörper war zu sehen. Der früher mächtigste Mann Nordafrikas, der exzentrischste Politiker der Welt, der Herr des Terrors, lag tot am Boden eines Kühlhauses.

Jahrelang wollte ich ein Interview von diesem Mann, unmöglich, nun lag er da.

Sein markantes Gesicht gelblich, das krause, schüttere Haar dunkel. Auf der Stirn ein schwarzer Fleck. Ein Einschussloch. Gaddafi wurde durch einen angesetzten Kopfschuss getötet, das ist genau zu sehen. Neben ihm auf einer weiteren, zweiten Matratze, sein Sohn, Mutassim, 35, der frühere Playboy und sein späterer Sicherheitschef. Mutassin hat einen Vollbart, seine Augen sind weit aufgerissen, das Gesicht verzerrt. Sein Körper wurde von dutzenden Kugeln getroffen, er war bis zuletzt bei seinem Vater. Einige Augenblicke kann ich in dem Raum bleiben. Ich weiß bis heute nicht, ob ich in diesen Momenten Zeitgeschichte erlebte, oder bloß Teil einer der widerwärtigsten Todesshows der Politgeschichte wurde. Schließlich schoben die Rebellen mich hinaus. Vor dem Kühlraum eine endlose Menschenschlange.

Alle wollten den toten Diktator sehen, jeder wollte auf seine Art stille Rache an dem Mann nehmen, der Libyen 42 Jahre im Würgegriff gehalten hat. Manche brachten sogar ihre Kinder mit. Die Kleinen kaum älter als drei, vier, fünf Jahre alt. Alle schrieen „allāhu akbar“ – Gott ist groß. Zumindest die Kinder liessen sie nicht in den schrecklichen Kühlraum. Omar, ein 26jähriger Ingenieur sagte zu mir: „Gaddafi hat seine Gerechtigkeit gefunden.. Ob er es nicht schrecklich findet, dass Gaddafi ausgestellt wird wie ein totes Tier?, fragte ich. Nein schrie er mich an, „ die ganze Welt soll wissen, dass der Tyrann tot ist!“ Ich drehte mich weg, verliess diesen schrecklichen Ort, ein Mann rief mir nach: „Allah ist mit den Standhaften!“

Gaddafi war ein Despot. Aber kein Monster.

Weder Mao noch Stalin waren länger im Amt als er. Nur Fidel Castro kann auf eine ähnlich um zwei Jahre längere Amtszeit zurückblicken, wobei der Begriff Amtszeit eigentlich falsch ist – Gaddafi hatte gar keine offizielle Position. Er war weder gewählter Präsident, noch Parteichef, noch Staatschef. Er war bloß Oberst, Revolutionsführer. Mächtigster Mann im Staat. Der Einzige, der entscheidet. Das reichte. Bis zum 20. Oktober.

Putsch

Am 1. September 1969 putschte er in Tripolis als blutjunger Hauptmann gegen den ungeliebten und unfähigen König Idriss. Machte kurzen Prozess mit dessen „Weißer Garde“, eine Machtergreifung, die leicht fiel. Gaddafi verkörperte damals jenen Geist islamischen Siegesbewußtseins, jenen revolutionär-religiösen Taumel, der Moslems mitreißt. Sein Habitus strahlte Geheimnisvolles aus, Verwirrendes. Er war ein schöner Mann. Groß, kräftig, ausdrucksvoller Beduinenkopf, sympathische Jugendhaftigkeit, katzenhafter Gang. Sein brennend starrer Blick hatte ständig etwas Gehetztes.

Zuletzt war Gaddafi nur noch ein alternder Exzentriker, ein Politik-Komödiant in schrillen Phantasieuniformen. Die Gesichtshaut lasch, die Lippen hängend, die Augen verquollen, ein Schatten seiner selbst.

Bloß sein schrilles Erscheinungsbild während seiner kreischenden Ansprachen aus seinem Bunker Bab al Asisija während der NATO-Luftangriffe auf seine Festung in Tripolis erinnerte noch an den Revolutionär von damals, als er versuchte, seine eigene Nation in eine egalitäre, islamische Gesellschaftsform einzuschmelzen. Bei seinen Auslandsreisen wohnte er im Beduinen-Zelt. Bis zuletzt musste ihm seine ausschließlich weibliche Leibgarde Kamelmilch servieren. Jetzt starb er vor einer Betonröhre im Wüstensand.

Öl und Gas und dennoch kein reiches Land!

Gaddafi brachte seinem Volk keinen Reichtum. Er stattete sein Land lediglich mit nationaler Arroganz aus, doch das reichte nicht zur Führerschaft in der arabischen Welt und in Afrika. Zwar musste in Libyen niemand Hunger leiden, aber der Lebensstandard war niedrig, Infrastruktur und Löhne waren nicht mit Dubai zu vergleichen. Sein Projekt, aus Libyen (nur sechseinhalb Millionen Einwohner) eine geschlossene Vorhut der arabischen und islamischen Wiedergeburt zu machen, war gescheitert. Und das, obwohl eine Laune der Geologie im tripolitanischen Boden Gaddafi alle erdenklichen Möglichkeiten gegeben hat – Libyen verfügt über immensen Erdölreichtum, exportierte fast ebenso viel Öl pro Kopf wie Saudi Arabien.

Gaddafi wuchs in der Sahara auf. Als Kind armer Beduinen. Die Wüste war sein Zuchtmeister, sein Zelt sein Schloss. Als Schüler wurde er missachtet, vernachlässigt. Er hatte kaum Chancen gegen die Söhne wohlhabender und arroganter Feudalherren. Daraus wuchs sein brennendes Bedürfnis nach Macht und sozialer Gleichmacherei, eine Beschreibung, die in Biographien vieler Revolutionäre zu finden ist: „In der Einsamkeit zwischen Sand und Firmament entstand sein fanatisches Verlangen nach Abrechnung mit der korrupten und gottlosen Welt“, analysiert Gaddafi-Kenner Peter Scholl-Latour.

Mit Terror zum Weltfeind!

Dieses prophetische Sendungsbewusstsein machte Gaddafi zum Motor jeder Form revolutionären Umsturzes. Jahrzehntelang pumpte der Oberst als Spinne im weltweit verzweigten System des Terrors Geld in Tod und Vernichtung. Er finanzierte die moslemischen Terroristen in Mindanao und palästinensische Bomber. Seine Emissäre unterstützten die Mörder der „Irisch-Republikanischen-Armee“, die Bomber der ETA, die Killer der RAF in Deutschland, die OPEC-Geiselnehmer in Wien.

Wo immer Blutvergießen entstand, waren Gaddafis Männer nicht weit. So auch am 21. Dezember 1988. Damals schmuggelten libysche Geheimagenten unter Führung von Gaddafi-Agent Abdel Bassit Ali Mohammed al Megrahi eine Höllenmaschine an Bord des PanAm-Jumbos „Maid of the Seas“. 38 Minuten nach dem Start der Maschine mit Ziel New York detonierte die Zeitbombe in 10.000 Meter Höhe über der schottischen Ortschaft Lockerbie. Alle 259 Menschen an Bord sowie elf Bewohner des Marktfleckens kamen bei dem Anschlag ums Leben. Al Megrahi, der Mann, der dieses Inferno ausgelöst hat, wurde erst vor einem Jahr in Tripolis frenetisch gefeiert, nachdem die Schotten ihn freigelassen haben. Gaddafi begrüßte den Massenmörder mit Bruderkuss. Die Schotten haben ihn nach Hause geschickt, weil er an Prostatakrebs leidet. Und das schottische Recht im Falle einer todbringenden Erkrankung die Begnadigung eines Verurteilten zulässt. Heute liegt der Lockerbie-Attentäter vom Krebs gezeichnet in einem Haus am Stadtrand von Tripolis.

Gaddafi und das Geschäft mit der Geiselnahme!

Gaddafi hat nach den Anschlägen von 9/11 öffentlich dem Terror abgeschworen. Ein Mann wie er kann aber seine Gefühle, seine Vergangenheit, nicht auswechseln. Schließlich versteht das Geschäft der Geiselnahme keiner besser als er. Zuerst hielt er jahrelang bulgarische Krankenschwestern fest, weil diese libyschen Kindern absichtlich aidsverseuchte Blutkonserven verabreicht haben. Die Krankenschwestern wurden zum Tode verurteilt, in Straflager geschickt, Psychoterror pur. Zuletzt begnadigte Gaddafi die bedauerswerten Frauen. Er brauchte Handlungsspielraum bei Gesprächen mit der EU und Brüssel ging in die Knie. Dann führte Gaddafi die Schweiz vor, weil die Genfer Polizei im Juli 2008 seinen Sohn Hannibal (das fünfte von acht Kindern) festgenommen hatte. Hannibal Gaddafi flüchtete nach Algerien. In seinem Konvoi saßen sein bruder Mohammed, seine Mutter und seine Schwester Aisha. Aisha brachte noch am Grenzübergang zwischen Libyen und Algerien ein Kind zur Welt.

Bis zuletzt wollte Gaddafi nicht wahrhaben, dass er sein Land, sein Volk verloren hat. Nach dem Fall von Tripolis setzte er sich völlig überstürzt in die Wüstenfestung Bani Walid ab. Von dort ging es weiter in seinen Geburtsort Sirte an der Mittelmeerküste. In seiner Residenz in Tripolis ließ er alles zurück: Briefe, Tausende Fotos, alle persönlichen Gegenstände, sogar die meisten seiner Uniformen. Gaddafi hätte auch ins Ausland flüchten können. Er tat es nicht: „Allah ist mit den Standhaften“, hatte er noch vor wenigen Tagen aus seinem Versteck in Sirte verkünden lassen. Es war seine letzte Botschaft.

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Ötzi wird 20 - ich bin sein Taufvater, habe seinen Namen erfunden. 17,Sep. 2011

Die Eis-Leiche rockt und ich feiere mit, lauthals. Schließlich habe ich Ötzi den einzigartigen, unverwechselbaren Namen gegeben!

Jetzt ist Ötzi 20 Jahre alt und das stolze Museum in Bozen widmet dem Mann aus dem Ewigen Eis eine Sonderausstellung, eine tolle Sache, auf die ich mächtig stolz bin, schließlich hat sich weltweit nur ein Kosename für die ausgedörrte Leiche vom Hauslabjoch durchgesetzt: Ötzi.

Der Begriff ist lexikonreif und ich bin der Erfinder, doch keiner weiß das, was sehr schade ist.

Tja! So ist das eben im schnoddrigen Leben eines ewig aufgeregten Journalisten: Eine g’schwinde Idee, ein schneller Gedanke, und andere werden steinreich, wie der DJ Ötzi, der den Namen einfach geklaut hat.

Ich habe Saddam Hussein interviewt. Und Jassir Arafat. War zu Gast bei Boris Jelzin und Helmut Kohl. Sprach mit Serben-Massenmörder Radovan Karadzic, war im Gefängnis bei Michael Chodorkowski, traf Simon Wiesenthal. Michel Douglas und Norman Freeman haben mit mir angestoßen, US-Präsident Barack Obama ebenso. All das sind aber journalistische Peanuts, Nebensächlichkeiten, austauschbar, weil nicht einzigartig. Arafat hat mit jedem geredet und Saddam Hussein auch, sogar mit Jörg Haider.

Glaubt man aber Google, dem Info-Tsunami, ist Ötzi das wichtigste Erlebnis meiner journalistischen Laufbahn.

Mozart hat mehr als 100 Millionen Google-Erwähnungen, Red Bull 45 Millionen. dann aber kommt schon Ötzi, eigentlich geil, zumal Ötzi nichts macht, außer herumzuliegen.

Ich möchte es nochmals erwähnen: Ich habe Ötzi den Namen gegeben, ich bin sein Taufvater. Nur so konnte er überleben, bis heute, und das weltweit. Ötzi, der Mann aus dem Eis, schlägt (googleoptimiert) sogar die Lipizzaner.

5300 Jahre alt ist die Gletschermumie- prähistorisch. Sie stammt aus der Jungsteinzeit (Neolithikum) bzw. der Kupferzeit (Eneolithikum, Chalkolithikum). Am 19. September 1991 wurde sie beim Tisenjoch nahe dem Hauslabjoch in den Ötztaler Alpen oberhalb des Niederjochferner in 3210 m Höhe gefunden worden.

Sie lag in der Grenzregion zwischen Nord- und Südtirol und damit zwischen Österreich und Italien. Somit erhoben beide Staaten zunächst Anspruch auf die Leiche. Ursache ist die 1918 geschlossene Definition der Grenze, die zwischen den Grenzsteinen geradlinig verlief. Somit konnten Gebiete südlich der Wasserscheide noch zu Österreich und Gebiete nördlich davon zu Italien gehören. Obwohl sich der Fundpunkt bereits nördlich der Wasserscheide befindet, lag er somit auf italienischem Staatsgebiet in Südtirol. Seit 2006 ist jedoch ein neuer Staatsvertrag zwischen Österreich und Italien in Kraft, in der die Wasserscheide als Grenzverlauf bestätigt wird. Da aber für das Tisenjoch eine Ausnahme definiert wurde, liegt die Fundstelle weiterhin in Südtirol (Italien).

Als Entdecker gelten nach einem mehrjährigen Rechtsstreit seit November 2003 die beiden deutschen Bergwanderer Helmut und Erika Simon aus Nürnberg, sie erhielten auch 175.000 Euro Finderlohn.

„Similaunmann“, nannten ihn damals meine Kollegen, da es einen Gletscher gleichen Namens gibt.

„Similaunmann“ – was für ein grässlicher Name. Passt doch in keinen Titel.

Damals entdeckte Reinhold Messner gerade den Yeti, den legendären Schneemenschen: «Ich habe den Yeti gefunden. Wir standen uns Auge in Auge gegenüber», berichtete Messner nach der Rückkehr von seiner jüngsten Expedition in Pakistan: „Der Yeti ist cirka 2,20 Meter groß, hat ein dickes Fell, ist ein Nachtwesen und frißt Yaks», wird Messner zitiert.

Welch Schwachsinn, dachte ich damals, aber der Name Yeti blieb in meinen Ohr. Yeti und Ötztal – das wäre doch die Kombination, aus der Ewigkeiten entstehen könnten.

Deshalb nannte ich den Eismann einfach Ötzi, ein Name der haften blieb, selbst bei Professor Spindler in Innsbruck. Im Nachschlagwerk Wikipedia steht heute zu lesen: «Es war der Wiener Reporter Karl Wendl, der die Mumie in seinen Artikeln erstmals kurzerhand Ötzi nannte, denn: „Diese ausgetrocknete, grässlich anzusehende Leiche muss lieblicher werden, um daraus eine gute Story zu machen.“

**Professor Spindler selbst „resignierte“ mit Humor und Anstand gegenüber meiner Sprachschöpfung: „Weltweit hat sich darauf nur der Kosename Ötzi durchgesetzt. Ohne Artikel verwendet und auch im Ausland stets großgeschrieben, ist die Eigennamenbildung abgeschlossen. Der Name ist [sic!] lexikonreif.“**

Die Germanistin Lorelies Ortner untersuchte im Rahmen einer Forschungsarbeit exemplarisch Textstellen aus Zeitungen und Zeitschriften nach den Benennungen für die Eisleiche und stellte fest, dass der Kosename erstmals sieben Tage nach dem Fund in den Medien aufgetaucht sei: „Liebevoll als Ötzi bezeichnet, verlor die am Innsbrucker Gerichtsmedizinischen Institut als 'Nr. 619/91' geführte, bei der Staatsanwaltschaft unter 'Strafverfahren gegen unbekannter Täter' eingeordnete und im juristischen Jargon unter dem klingenden Namen 'Leichensache Hauslabjoch' bekannte Eisleiche ihre Leichenhaftigkeit und wurde medienwirksam wiederbelebt.“

Ich habe somit eine Eisleiche wiederbelebt. Mit einem Kosenamen, der heute weltweit bekannt ist. Das macht mich stolz. Das ist etwas Besonderes. Die Einzigen, die vor 20 Jahren nicht an den Namen Ötzi glaubten, waren mein damaliger KURIER-Chefredakteur Franz Ferdinand Wolf und seine beiden “wissenschaftlichen Berater” Hans Rauscher und Herbert Hufnagel: «Wendl, Du Idiot, aus dem Namen wird nie was...kümmere Dich um wichtigere Dinge”.

Zu blöd, dass ich auf den “Instinkt” der Chefpartie von damals gehört habe – hätte ich Ötzi schützen lassen, wäre ich heute Millionär. So begnügte ich mich mit meinem Lebensmotto: «Große Dinge reicht es gewollt zu haben...”.

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Wer schießt, verliert - die Wahrheit über den Krieg gegen Gaddafi 22,Mar. 2011

Zwei Wochen war ich in Bengasi, der Hauptstadt der Rebellen in Libyen. Demonstrationen am Hafen, Fahnen, Aufrufe. Hunderttausende, ein friedlicher Aufstand gegen einen Despoten, dachte ich.

Dann ließ Gaddafi schießen – nicht in Bengasi, in Tripolis. Angeblich.

Und plötzlich war alles ganz anders. Die Rebellen hatten Kalaschnikows, in Drei-Tages-Kursen waren sie fit für die Front. Mit Euphorie stürmten sie in den Tod und keiner hielt sie auf.

Ich sah Kämpfe in Brega, in Ras Lanuf. Gaddafis Armee war tagelang nicht existent. Als die Rebellen aber in Richtung Sirte stürmten, der Geburtsstadt Gaddafis, drehte sich der Wind:Gaddafi schlug zurück. Mit der Luftwaffe. Ich sah, wie die Rebellen eine uralte SU24 vom Himmel holten. Beiden Piloten schnitten sie die Köpfe ab, die Leichen ließen sie einfach in der Wüste liegen – Staub drüber, im Kampf gegen einen Despoten scheint alle erlaubt.

Jetzt bombt der Westen. Wieder Leichen. Wofür?

Ich verstehe diesen Krieg nicht, habe noch nie einen Krieg verstanden, obwohl ich seit dreisig Jahren über Kriege berichte. Noch nie habe ich Gewinner gesehen. Bloss fragwürdige Sieger, zerstörte Verlierer, nicht mehr.

Als Obama ins Weiße Haus einzog, schrieb der “Falter”, eine aufgeweckte Wiener Stadtzeitung: «Obama wird Guantánamo schließen, er wird die Folter ausdrücklich verbieten und seine Partner einbinden, er wird vielleicht auch das Gespräch mit vermeintlichen Feinden suchen. Kurzum, er wird die Weltmacht USA wieder einigermaßen zivilisieren”.

Nichts von dem stimmt heute noch. Als die ersten Bomben fielen, tanzte Obama in Rio, ließ sich lachend in Strandkleidung fotografieren, während in Libyen Gaddafi-Soldaten verkohlten.

Weder Obama, Sarkozy oder Berlusconi wäre ein Zacken aus der Krone gebrochen, hätten sie Gaddafi vor der ersten Bombenwelle angerufen? Zumindest einen Unterhändler hätten sie nach Tripolis schicken können, sie taten es nicht.

Obama hat sich wie Bush ohne Gespräch mit dem Feind auf einen long war eingelassen – auf einen Krieg ohne Ende. Abartig.

Noch verrückter ist der Krieg aber auch deshalb, weil alle Politiker Gaddafi jahrelang hofiert haben, seine Exzentrik, seine Verbrechen geduldet.

Hat einer von jenen, die jetzt bomben, empört aufgeult, als Muammar Gaddafi vor knapp einem Jahr der Schweiz den Heiligen Krieg erklärt hat?

Ich habe nichts davon bemerkt!

Österreichische, deutsche und alle anderen Politiker sprachen bloss von „ungewöhnlicher“ Wortwahl, nicht mehr.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton, die Frau, die auch heute noch keiner kennt, beklagte lediglich den „unglücklichen Zeitpunkt“, den der libysche Revolutionsführer für seinen Dschihad-Aufruf gewählt hat.

Wann wäre denn ein Aufruf zum Massenmord passend, Frau Ashton?

Im Frühling? Im Sommer? Zu Weihnachten? An einem langen Einkaufssamstag?

Die Welt hat die Verrückten der Weltpolitik mit Ignoranz gestraft, nicht mehr.

Gaddafi war immer unberechenbar.

Seit 42 Jahren ist der Fantasieoberst nun an der Macht.

Weder Mao, noch Stalin waren länger im Amt als er. Nur Fidel Castro kann auf eine um zwei Jahre längere Amtszeit zurückblicken, wobei der Begriff Amtszeit eigentlich falsch ist – Gaddafi hat gar keine offizielle Position. Er ist weder gewählter Präsident, noch Parteichef, noch Staatschef. Er ist bloss Oberst, Revolutionsführer. Mächtigster Mann im Staat. Der Einzige, der entscheidet. Das reicht. Bis heute.

Am 1. September 1969 putschte er in Tripolis als blutjunger Hauptmann gegen den ungeliebten und unfähigen König Idriss. Machte kurzen Prozess mit dessen „Weißer Garde“, eine Machtergreifung, die leicht fiel. Gaddafi verkörperte damals jenen Geist islamischen Siegesbewußtseins, jenen revolutionär-religiösen Taumel, der Moslems mitreißt. Sein Habitus strahlte Geheimnisvolles aus, Verwirrendes. Er war ein schöner Mann. Groß, kräftig, ausdrucksvoller Beduinenkopf, sympathische Jugendhaftigkeit, katzenhafter Gang. Sein brennend starrer Blick hatte ständig etwas Gehetztes.

Heute ist Gaddafi ein alternder Exzentriker, ein Politik-Komödiant in schrillen Phantasieuniformen. Die Gesichtshaut lasch, die Lippen hängend, die Augen verquollen, eine Mischung aus Frank Zappa und auftoupierter, alternder Barfrau. Ein Schatten seinerselbst.

Bloss sein schrilles Erscheinungsbild erinnert noch an den Revolutionär von damals, als er versuchte, seine eigene Nation in eine egalitäre, islamische Gesellschaftsform einzuschmelzen. Bis zuzletzt wohnte er bei seinen Auslandsreisen im Beduinen-Zelt. Noch heute muss ihm seine ausschließlich weibliche Leibgarde Kamelmilch servieren, täglich frisch aus der Sahara.

Öl und Gas und dennoch kein reiches Land!

Gaddafi brachte seinem Volk keinen Reichtum. Er stattete sein Land lediglich mit nationaler Arroganz aus, doch das reichte nicht zur Führerschaft in der arabischen Welt und in Afrika. Zwar musste in Libyen niemand Hunger leiden, aber der Lebensstandart war niedrig, Infrastruktur und Löhne waren nicht mit Dubai zu vergleichen. Sein Projekt, aus Libyen (nur sechs Millionen Einwohner) eine geschlossene Vorhut der arabischen und islamischen Wiedergeburt zu machen, war längst gescheitert. Und das, obwohl eine Laune der Geologie im tripolitanischen Boden Gaddafi alle erdenklichen Möglichkeiten gegeben hat – Libyen verfügt über immensen Erölreichtum, exportierte fast ebenso viel Öl pro Kopf wie Saudi Arabien. Das Volk aber blieb arm.

Gaddafi wuchs in der Sahara auf. Als Kind armer Beduinen. Die Wüste war sein Zuchtmeister, sein Zelt sein Schloß. Als Schüler wurde er mißachtet, vernachlässigt. Hatte kaum Chancen gegen die Söhne wohlhabender und arroganter Feudalherren. Daraus wuchs sein brennendes Bedürfnis nach Macht und sozialer Gleichmacherei, eine Beschreibung, die in Biographien vieler Revolutionäre zu finden ist: „In der Einsamkeit zwischen Sand und Firmament entstand sein fanatisches Verlangen nach Abrechnung mit der korrupten und gottlosen Welt.“, analysiert Gaddafi-Kenner Peter Scholl-Latour.

Mit Terror zum Weltfeind!

Dieses prophetische Sendungsbewusstsein machte Gaddafi zum Motor jeder Form revolutionären Umsturzes. Jahrzehntelang pumpte der Oberst als Spinne im weltweit verzweigten System des Terrors Geld in Tod und Vernichtung. Er finanzierte die moslemischen Terroristen in Mindanao und palästinensische Bomber. Seine Emissäre unterstützten die Mörder der „irisch-Republikanischen-Armee“, die Bomber der ETA, die Killer der RAF in Deutschland, die OPEC-Geiselnehmer in Wien.

Wo immer Blutvergießen entstand, waren Gaddafis Männer nicht weit. So auch am 21. Dezember 1988. Damals schmuggelten libysche Geheimagenten unter Führung von Gaddafi-Agent Abdel Bassit Ali Mohammed al Megrahi eine Höllenmaschine an Bord des PanAm-Jumbos „Maid of the Seas“. 38 Minuten nach dem Start der Maschine mit Ziel New York detonierte die Zeitbombe in 10.000 Meter Höhe über der schottischen Ortschaft Lockerbie. Alle 259 Menschen an Bord sowie elf Bewohner des Marktfleckens kamen bei dem Anschlag ums Leben. Al Megrahi, der Mann, der dieses Inferno ausgelöst hat, wurde erst vor wenigen Monaten in Tripolis frenetisch gefeiert, der Mob gebärdete sich hysterisch, nachdem die Schotten ihn freigelassen haben. Gaddafi begrüßte den Massenmörder mit Bruderkuss. Die Schotten haben ihn nach Hause geschickt, weil er angeblich an Prostatakrebs leidet. Und das schottische Recht im Falle einer todbringenden Erkrankung die Begnadigung eines Verurteilten zulässt.

Gaddafi hätte zumindest damals Pietät gegenüber den Hinterbliebenen zeigen können, doch dazu fehlte ihm das nötige Gespür. Er empfing al Megrahi wie einen Staatsgast und niemand regte sich sonderlich auf.

Gaddafi und das Geschäft mit der Geiselnahme!

Gaddafi hat nach den Anschlägen von 9/11 öffentlich dem Terror abgeschworen. Ein Mann wie er kann aber seinen Gefühlen, seiner Vergangenheit, nicht ausweichen. Schließlich versteht das Geschäft der Geiselnahme keiner besser als er. Auch heute noch.

Zuerst hielt er jahrelang bulgarische Krankenschwestern fest, weil diese libyschen Kindern absichtlich aidsverseuchte Blutkonserven verabreicht haben. Die Krankenschwestern wurden zum Tode verurteilt, in Straflager geschickt, Psychoterror pur. Zuletzt begnadigte Gaddafi die bedauerswerten Frauen. Er brauchte Handlungsspielraum bei Gesprächen mit der EU und Brüssel ging in die Knie.

Jetzt kämpft Gaddafi gegen die Welt. Droht wieder mit Terror. Als Antwort bekommt er Bomben.

Schade, dass auch Obama nicht mehr eingefallen ist, als sich den gefrässigen Militärs zu beugen.

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Wo die Kulturstadt Wien am dreckigsten ist - direkt unter der Oper. 08,Jan. 2011

Ich spürte Wut.

Gestern war ich unter der Erde Wiens, ich fuhr U-Bahn.

Es war elf Uhr nachts, Opernpassage, auf dem Weg zur U4 am Karlsplatz. Die Wände besudelt, an den Münzfernsprechern demolierte Telefonhörer, der Boden dreckverschmiert, ebenso alle Mistkübel. Die Deckenverkleidung abmontiert. Wilde Typen in abgewetzten Klamotten und mit Bier-Dosen in der Hand pöbelten betrunken, Obdachlose, die das Leben ausgespuckt hat, lagen in Nischen, andere pissten in die vergammelten Mistkübel.

Kulturhauptstadt Wien, hautnah und real direkt unter der Oper: „Hier riecht es nach abgestandenem Leben“, schrieb einst Franz Josef Wagner, der deutsche Gossen-Goethe, über die Berliner U-Bahn. Ein Bild, das auch zur Wiener Opernpassage passt: Abgestandenes Leben. U-Bahn-Welt. Unter-der-Oberwelt. Nicht meine Welt.

Starre Gesichter. Aggressiv, unfreundlich, bedrohlich. Ich fuhr bis zur Station Schottenring. Rollte auf der Treppe zurück an die frische Luft. An der Straßenbahnhaltestelle zwei Dutzend dunkle Gestalten. Regen. Leichter Nebel. Ungutes Gefühl. Die Gestalten haben ihre Kapuzen über ihre dunklen Gesichter gezogen. Die Männer sprechen arabisch. Zischen mich an: „Psssspssss Haschisch, Gras, psssspsss Haschisch, Gras“. Ich spürte Wut. Dachte an Sarrazin. Aber auch an Robert Misik und sein Migranten-Geschwafel.

Maria Vassilakou, die Grüne-Strahlefrau, ist jetzt zuständig für diesen Untergrund-Mist. Ob sie diese erbärmliche Welt noch kennt, seit sie einen fetten Dienstwagen hat? Ich denke nein, sonst hätte sie längst einen Putztrupp in die Opernpassage geschickt.

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Im Straflager mit Michail Chodorkowski 27,Dec. 2010

Schuldig.

Der Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski wurde also wieder schuldig gesprochen. Der früher reichste Mann Russlands soll hunderte Millonen Öl gestohlen haben.

Chodorkowski hat mit diesem Urteil wohl gerechnet, reagierte mit demonstrativem Desinteresse auf den Schuldspruch – er sah Papiere durch, als Richter Viktor Danilkin seine Entscheidung verkündete. Chodorkowskis mitangeklagter früherer Geschäftspartner Platon Lebedew las ein Buch.

Der Richter folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft, der Ex-Chef des inzwischen zerschlagenen russischen Ölkonzerns Yukos wird erst 2017 aus der Haft entlassen.

Ein Wahnsinns-Urteil.

Chodorkowski sitzt seit 2003. Warum? Weil der Chef des mittlerweile zerschlagenen Ölkonzerns Yukos offen die Opposition unterstützt und sich gegen Wladimir Putin gestellt hat. Seither hasst Russlands Premier Wladimir Putin Michail Chodorkowski. Chodorkowski, war einst reichster Mann Russlands. Gründer des mächtigen, 40 Milliarden Dollar schweren Ölkonzerns „Yukos“. Gefeierter Star auf internationalen Wirtschaftspodien. Seit einem fragwürdigen Gerichtsverfahren im Jahre 2003 verbüßt er im hintersten Winkel Sibiriens seine Verbannung.

Chodorkowski war Putin zu mächtig geworden.

Der Geheimdienst verhaftete und demütigte ihn, man verurteilte ihn zu acht Jahren Straflager wegen Betrugs und Steuerhinterziehung. Sein Konzern „Yukos“ wurde zerschlagen, die feinsten Filetstücke hat sich der Staat einverleibt. „Chodorkowski wurde verbannt, weil er sich offen gegen Wladimir Putin und seine Politik gestellt hat“, behauptet sein Anwalt Robert Amsterdam: „Das Regime hat die Firma meines Klienten gestohlen. Eine glaubwürdige Rechtsauffassung, die der Zerschlagung von Yukos Legitimität verleihen könnte, existiert nicht. Es handelt sich um einen groß angelegten Diebstahl durch Staatsbeamte und andere, die öffentliche Institutionen missbraucht haben, um ihre kriminellen Ziele zu verfolgen“. Harte Worte.

Besuch im Straflager. Es war vor genau dreieinhalb Jahren, als ich mit Inna Chodorkowski, Ehefrau des Verbannten und Mutter seiner drei Kinder, nach Krasnokamensk in Ost-Sibirien reiste, ans Ende der Welt. Der Ort liegt im Länderdreieck China, Russland, Mongolei. Im Winter hat es minus 40 Grad, im Sommer ist es staubig und brütend heiß.

Um zu verstehen, wie weit diese Stadt von der Zivilisation entfernt ist, muss die beschwerliche Anfahrt beschrieben werden – sechs Stunden Flug in östliche Richtung von Moskau in die Provinzhauptstadt Tschita. Dann weitere 16 endlose Stunden Zugfahrt durch die burjatische Steppe. Stunden um Stunden ratterte der Zug vorbei an Ruinen verlassener Armeeposten, an ärmlichen, verfallenen Dörfern und verrotteten Holzhäusern. Alle 30 Minuten stoppte die Eisenbahn, machte kilometerlangen Güterzügen Platz, die Holzstämme nach China transportierten. Manchmal ratterten auch Öltanks vorbei. „Yukos“ stand immer noch auf den Bordwänden.

„Mischa hat einen funktionierenden Konzern geschaffen und Tausenden Menschen Arbeit gegeben“, sagte Inna Chodorkowskaja, während sie aus dem Fenster starrte: „Er wollte keine Jachten und Luxuspaläste. Sein gesamtes Geld steckte er in Yukos. Er wollte die Gesellschaft in Russland verändern, das störte einige.“ Und: „Was hat er denn davon gehabt? Vier Stunden Schlaf pro Nacht, eine Woche Urlaub im Jahr, selbst da telefonierte er ständig. Er hatte nie Zeit für ein Privatleben.“ Irgendwann im Morgengrauen hielt der Zug an, und wir waren in Krasnokamensk. Dreißig Jahre lang war der Ort eine geschlossene Stadt, auf keiner Landkarte eingezeichnet, weil hier Uran gefunden wurde. Noch heute gibt keine Straßennamen, nur durchnummerierte Plattenbauten, sowjetische Tristesse: „Verstehen Sie jetzt, weshalb sie meinen Mann hierher deportiert haben?“, fragte mich Inna Chordokowski, als wir zum Straflager JaG 10/14 am Rande der Stadt fuhren. „Weil es fast unmöglich ist, nach Krasnokamensk zu kommen. Die Behörden wollen, dass niemand ihn besucht, weder seine Anwälte noch seine Verwandten und schon gar nicht die Presse.“

Drei Tage durfte Inna damals bleiben. Sie traf ihren Mann in der „Profilaktur“, das sind acht kahle Zimmer mit jeweils zwei Betten, in denen Ehefrauen und Familien die Häftlinge besuchen können. Mischa, wie sie ihren Mann nennt, trug eine schwarze Hose, einen schwarzen Rolli, Turnschuhe. Die Haare kurz geschoren, die randlose Brille beschädigt, auf der Nase leuchtete eine Schnittwunde: „Ein Mithäftling wollte ihm nachts ein Auge ausstechen“, erzählte Inna später, „Er konnte den Stich abwehren. Die Wunde wurde mit sechs Stichen genäht“.

Vier solcher langen Besuche stehen Chodorkowski pro Jahr zu. Dazu kommen sechs kurze Besuche von vier Stunden Dauer. Als wir nach drei Tagen wieder mit dem Zug zurück nach Tschita fuhren, war Inna Chodorkowski nachdenklich: „Am Beginn der Haft“, sagte sie, „ist Mischa sehr nervös gewesen. Dann verfiel er in einen ziemlich tiefen Dämmerzustand, schien zu glauben, dass alles seinen Sinn verloren hätte“. Die Verbannung bedeutete einen Bruch, eine völlig neue Situation. Neue Strukturen, Hoffnungen, Perspektiven mussten gefunden werden. Eine neue Auffassung von Zeit musste her. Mischa habe sich aber auf seine neue Situation eingerichtet: „Es gibt eben Leute, die werden schwächer, wenn sie durch den Fleischwolf gedreht werden. Andere werden philosophisch. So ist es bei ihm. Er ist absolut stabil, obwohl er dramatisch abgenommen hat.“

Jetzt wird er wohl wieder in die verbotene Stadt zurückverlegt werden. In seine kleine Zelle mit Pritsche, Nachtschränkchen, altem Fernseher, elektrischem Teekessel und einem Boiler mit Trinkwasser.

„Die Beschuldigungen gegen mich haben nichts mehr mit einem realen Verbrechen zu tun“, sagte Chodorkowski, als er in einem Metall-Käfig zur ersten Anhörung dem Richter vorgeführt wurde. Und: „Ich kann mir nicht vorstellen, das Russland zum diktatorischen System der Sowjetzeit zurückkehrt, dass ist einfach nicht möglich“.

Er hat sich getäuscht.

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Nico Pelinka und seine ORF-Karriere - ein österreichisches Sittenbild 03,Dec. 2010

Der Standard berichtete kürzlich über «Unruhe und Empörung bei ORF-Journalisten über die mögliche Installierung von Niko Pelinka als ORF-Generalsekretär bei der nächsten ORF-Geschäftsführung».

Der Leiter des SPÖ-»Freundeskreises» im ORF-Stiftungsrat und enge Vertraute von SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas, der derzeit für die ÖBB arbeitet, wurde zuletzt als möglicher Kandidat für den Posten gehandelt.

Das löste Unruhe und Empörung bei ORF-Journalisten über mögliche Installierung eines ORF-Generalsekretärs aus.

Pelinka schließt einen Wechsel in den ORF indes klar aus.

Das ist gut so. Sein ÖBB-Job ist ohnehin perfekt.

Was Pelinka bisher so getrieben hat, las ich kürzlich auf der Webseite http://realkanal.wordpress.com. Ein perfektes Lesestück über Austrorealitäten:

«Vielernorts ist zu lesen, daß der SPÖ-Zögling Nikolaus „Niki“ Pelinka, schon mit 23 Jahren (Anm.: Jahrgang 1986) sein „Studium“, und das neben diversen politischen Spitzenfunktionen, absolviert habe. Doch was der Sohn von Ex-Arbeiterzeitung-, News- und ORF-Journalist Peter Pelinka genau studiert hat oder gar ein Lebenslauf des SPÖ-Spitzenfunktionärs ist kaum zu finden.

Wir haben uns bemüht und sind fündig geworden: nach der Matura hat Pelinka im PR- und Journalismusbereich gearbeitet (für SPÖ, chilli.cc, Der Standard), was ihm in weiterer Folge den Besuch eines 2-jährigen berufsbegleitenden Universitätslehrgangs für „Politische Kommunikation“ an der Donau-Uni Krems ohne Vorstudium ermöglicht hat (BMUKK News 1/2007, S. 5).

Dieses Weiterbildungsprogramm („Teilnahmegebühr“: 14.900 EUR) schließt zwar mit dem akademischen Grad „Master of Science“ ab, ist aber mitnichten ein ordentliches Studium (vgl. Mayer-Kommentar zum UG2002).

Interessant sind auch die personell-institutionellen Zusammenhänge dieses Lehrgangs: Kooperation mit der SPÖ-Parteiakademie „Renner-Institut“ und „ReferentInnen“ wie Doris Bures (früher SPÖ-Frauenministerin, jetzt SPÖ-Verkehrsministerin), Lothar Lockl (Ex-Grünen-Bundesparteisekretär und Ehemann der ORF-Journalistin Claudia Reiterer, die ihrerseits dem „Bund Sozialdemokratischer AkademikerInnen“ Steiermark – zumindest – verbunden ist) sowie der rote Ex-ORF-Boss Gerhard Weis – ÖVP-FPÖ-BZÖ-Funktionäre stehen jedenfalls nicht auf dieser Liste. Darüber freut sich vielleicht der Onkel, Anton Pelinka – ordentlicher Universitätsprofessor für Politikwissenschaft, aber was würde er zum „Studium“ des Neffen sagen?

Letztlich spielt das natürlich alles kaum eine Rolle, denn gut eingewoben in das familiäre SPÖ-Netzwerk braucht sich Niki keine Sorgen um Karriere zu machen: Pressesprecher der Bildungsministerin war er schon, dann ist er zulasten eines langgedienten SPÖ-Mannes in den ORF-Stiftungsrat gehievt worden um dieser Tage weich und sicher als „Polit-Lobbyist“ bei den ÖBB zu landen. Sollten alle Stricke reißen, bleibt ihm ja noch das Netzwerk der „Junge Roten“ um Laura Rudas, ein Sammelbecken für derartige Biographien. In Anbetracht des vergleichsweise hohen Apparatschikfaktors von Nikolaus Pelinka, gibt sich die Presse relativ zurückhaltend. Ob das mehr daran liegt, daß sein Lebenslauf und Netzwerk die narzisstische Journalistenklasse dennoch beeindruckt oder eher eine gewisse Sympathie für Journalistensöhne vorliegt, mag jeder selbst entscheiden. Wenn beides zuträfe, wäre das jedenfalls kein Widerspruch.»

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No Subject 21,Nov. 2010

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Kadri Ecved Tezcan, türkischer Botschafter in Wien, löste mit einem "Presse"-Interview gewaltigen Wirbel aus 10,Nov. 2010

In einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung “Die Presse” stellte der türkische Botschafter in Wien Österreich und seine Integrationspolitik an den Pranger. Die Aussagen des Diplomaten lösten schwere Verstimmung in Österreich aus, der Botschafter wurde sogar ins Außenamt zitiert, beinahe alle Zeitungen druckten das Interview in Auszügen nach.

Viele Aussagen des Botschafters mögen durchaus richtig und wichtig sein, in einigen Punkten redet der Diplomat aber puren Schwachsinn, meine ich. Doch bilden Sie sich selbst eine Meinung.

Das umstrittene Presse-Interview im Wortlaut

Kadri Ecved Tezcan: Wollen Sie, dass ich im Interview als Diplomat antworte, was langweilig wird? Oder soll ich als jemand antworten, der seit einem Jahr in Wien lebt und viele Kontakte zu den 250.000 Türken hier hat?

Ich ziehe die zweite Variante vor. Was läuft bei der Integration der Türken in Österreich falsch?

Ich möchte eines vorweg sagen: Anders als Griechen oder Italiener begannen die Türken erst vor 35, 40 Jahren zu emigrieren. Österreich war übrigens das letzte Land, in das türkische Bürger kamen. Die Löhne in Deutschland waren höher.

Hat das zur Folge, dass es für Türken nicht einfach ist, sich an Regeln im Ausland anzupassen?

Das nicht. Ich wollte damit nur sagen, dass auch Einwanderer in den USA ihre Probleme hatten. Aber diese Probleme sind nun vergessen. Integration ist ein Prozess. Ich war vor fast zwanzig Jahren Generalkonsul in Hamburg. Jedes Jahr lud ich die Mädchen und Buben, die aufs Gymnasium aufgenommen wurden, in meine Residenz ein und gratulierte ihnen mit Geschenken. Es gab damals so wenige türkische Gymnasiasten. Heute könnte ich das in Österreich nicht tun, denn es gibt hierzulande ungefähr 2000 türkischstämmige Studenten, die hier geboren wurden, plus 20.000 türkische Gymnasiasten. Das ist wunderbar.

Das mag ein Fortschritt sein. Aber ein Blick in die Statistik zeigt, dass türkischstämmige Jugendliche an Gymnasien oder gar Universitäten ganz deutlich unterrepräsentiert sind.

Wir müssen noch einige Hausaufgaben erledigen. Aber auch die österreichische Seite muss etwas unternehmen. Es gibt Schulen, in denen türkische Kinder mit 60, 70 Prozent die Mehrheit stellen. Warum? Weil sie in Ghettos leben. Wenn Türken in Wien Wohnungen beantragen, werden sie immer in dieselbe Gegend geschickt, gleichzeitig wirft man ihnen vor, Ghettos zu formen. Und österreichische Familie schicken ihre Kinder nicht an Schulen, in denen ethnische Minderheiten die Mehrheit stellen. So werden Türken in die Ecke gedrängt.

Wer sollte ihnen andere Wohnungen anbieten? Die Stadt Wien?

Es geht um etwas anderes: um Toleranz. Jedes Jahr bekommen die Türken einen öffentlichen Ort, einen Park etwa, zugeteilt, um ihr Kermes-Fest zu feiern. Sie kochen, spielen, tanzen, zeigen ihre eigene Kultur. Die einzigen Österreicher, die Kermes besuchen, sind Politiker auf der Jagd nach Wählerstimmen. Wählen geht trotzdem nur die Hälfte der Türken. Die Wiener schauen bei solchen Festen nicht einmal aus dem Fenster. Außer im Urlaub interessieren sich die Österreicher nicht für andere Kulturen. Österreich war ein Imperium mit verschiedenen ethnischen Gruppen. Es sollte gewohnt sein, mit Ausländern zu leben. Was geht hier vor?

Viele Wiener haben offenbar Angst davor, dass sie in manchen Stadtteilen zur Minderheit werden und die türkische Kultur dominiert.

Die Welt ändert sich. Es geht nicht mehr darum, wer dominiert und wer nicht. Es gibt keine Grenzen. Je mehr Kulturen es gibt, desto reicher werden wir.

Das Problem ist, dass die Gesellschaft in Deutschland oder Österreich nicht mehr an Multikulturalismus glaubt. Das Konzept hat nicht funktioniert.

Warum hat es nicht funktioniert? Integration ist ein kulturelles und soziales Problem. Aber in Österreich ist das Innenministerium für Integration verantwortlich. Das ist unglaublich. Das Innenministerium kann für Asyl oder Visa und viele Sicherheitsprobleme zuständig sein. Aber die Innenministerin sollte aufhören, in den Integrationsprozess zu intervenieren. Wenn man dem Innenministerium ein Problem gibt, wird dabei eine Polizeilösung rauskommen.

Welche Zuständigkeit empfehlen Sie?

Das Sozialministerium, das Familienministerium, aber nicht das Innenministerium. Meine Leute fragen mich: Stellen wir hier ein Sicherheitsproblem dar? Ich habe mit der Innenministerin gesprochen. Sie möchte das alles nicht hören. Sie ist in der falschen Partei.

In welcher Partei sollte Maria Fekter denn sein?

Sie ist Mitglied einer Volkspartei, die sich als liberal versteht. Oder bin ich falsch informiert? Was sie vertritt, entspricht nicht einer liberalen, offenen Geisteshaltung. Das Gleiche gilt übrigens auch für Angela Merkel. Ich war so überrascht, als sie vor zwei Wochen sagte, Multikulturalismus habe versagt und Deutschland sei eine christliche Gesellschaft. Was für eine Mentalität ist das? Ich kann nicht glauben, dass ich das im Jahr 2010 in Europa hören muss, das angeblich das Zentrum der Toleranz und Menschenrechte ist. Diese Werte haben andere von euch gelernt, und jetzt kehrt ihr diesen Werten den Rücken. Trotzdem will ich nicht sagen, dass die Migranten keine Fehler gemacht haben.

Haben Sie je mit Heinz-Christian Strache oder einem anderen Politiker der FPÖ gesprochen?

Natürlich. Ich habe ihn getroffen. Wir haben übereingestimmt, in nichts übereinzustimmen, was Integration anlangt. Strache hat keine Idee, wie sich die Welt entwickelt. Ich habe auch noch nie eine sozialdemokratische Partei wie in diesem Land gesehen. Normalerweise verteidigen Sozialdemokraten die Rechte von Menschen, wo immer sie auch herkommen. Wissen Sie, was mir Sozialdemokraten hier gesagt haben? „Wenn wir etwas dazu sagen, bekommt Strache mehr Stimmen.“ Das ist unglaublich.

Viele Österreicher sehen das anders. Sie empfinden Unbehagen bei einzelnen Aspekte der Kultur, die Türken mitgebracht haben. Sie mögen nicht, wie Frauen behandelt werden, sie wollen keine Frauen in Kopftüchern herumlaufen sehen. Sie wollen auch nicht, dass junge Macho-Türken Mitschüler terrorisieren.

Davon habe ich nie gehört. Ich habe viele Statistiken gesehen aus dem Innenministerium, aus dem Justizministerium ...

Es ist kein Verbrechen, andere Jugendliche zu drangsalieren ...

... aber Türken sind nicht an der Spitze dieser Listen. Erlauben Sie mir noch eine Frage. Wenn etwas nicht zu Ihrer Kultur gehört, haben Sie dann das Recht zu sagen, Sie wollen diese Menschen nicht? Das ist eine andere Kultur, ein anderes Parfum, eine andere Folklore. Ihr müsst damit leben. Warum habt ihr 110.000 Türken eingebürgert? Wie konntet ihr sie als Bürger akzeptieren, wenn es so ein großes Integrationsproblem mit ihnen gibt? Ihr müsst mit ihnen reden. Die Türken sind glücklich, sie wollen nichts von euch. Sie wollen nur nicht wie ein Virus behandelt werden. Die Gesellschaft sollte sie integrieren und von ihnen profitieren. Ihr müsst keine Migranten mehr holen. Ihr habt sie hier. Aber ihr müsst an sie glauben, und sie müssen an euch glauben.

Aber Politiker müssen doch zum Beispiel das Recht haben zu sagen, dass sie keine Zwangsheiraten wollen ...

Natürlich. Wir wollen auch nicht, dass unsere Töchter zwangsverheiratet werden.

Und man kann von Türken auch verlangen, dass sie Deutsch lernen.

Definitiv, ich sage meinen Leuten immer: Lernt Deutsch und haltet euch an die Regeln dieses Landes!

Warum also klappt es nicht?

Sie haben es selbst sehr offen gesagt: Die Leute wollen hier keine Frauen mit Kopftüchern sehen. Ist das denn gegen das Gesetz? Nein, ihr habt da nichts zu sagen. Es steht jedem frei, was er auf dem Kopf trägt. Wenn es hier die Freiheit gibt, nackt zu baden, sollte es auch die Freiheit geben, Kopftücher zu tragen. Wenn jemand die Leute zwingt, Kopftücher zu tragen, dann sollte der Rechtsstaat intervenieren. Dasselbe muss für jene gelten, die sich weigern, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Wir haben ein Problem mit Mädchen, die mit 13 nicht mehr in die Schule gehen.

Sie haben auch das Problem, dass zu wenige Frauen arbeiten gehen.

Sie liegen falsch, die türkischen Frauen arbeiten.

Ja, aber zu Hause. Die Beschäftigtenquote bei türkischen Frauen beträgt nur 39 Prozent.

Hausfrau zu sein ist auch ein Job.

Migranten, die zu Hause bleiben, sind Teil des Integrationsproblems.

Ja, aber wenn Sie mein Freund sein wollen, sollten auch Sie etwas dafür tun.

Sie meinen also, dass die Österreicher den Türken nicht das Gefühl geben, dass sie hier willkommen sind?

Ich werde nicht nur den Österreichern Vorwürfe machen. Wir haben auch Probleme, mit anderen Leuten in Kontakt zu treten. Warum? Migranten in New York oder anderswo formen auch Ghettos. Das Erste, was sie im Ausland machen, ist, Landsleute zu suchen.

Aber man bleibt nicht 30 Jahre im Ghetto. Man versucht sich zu verbessern und sieht zu, dass die eigenen Kinder in eine bessere Schule gehen. Ich sehe keine dynamische soziale Entwicklung hier.

Ich sehe viel Erfolg. Es gibt mehr als 3500 türkische Unternehmer hier, 110 Ärzte, Künstler, Ballerinas. Warum bringen Ihre Medien nicht mehr Erfolgsgeschichten?

Wer den derzeitigen Ausbildungsstand analysiert, blickt in eine düstere Zukunft. Die meisten jungen Türken gehen in die Hauptschule, viele sogar in die Sonderschule. Haben Sie eine Idee, wie sich das ändern ließe?

**Viele türkische Eltern glauben, dass ihre Kinder perfekt Deutsch und Türkisch sprechen. Ich erkläre ihnen dann, dass man mit 500 Wörtern noch keine Sprache beherrscht und ihre Kinder weder Deutsch noch Türkisch gut sprechen. Hier liegt das Problem: In den letzten 20 Jahren haben uns österreichische Regierungen nicht erlaubt, Lehrer aus der Türkei zu holen, um die Kinder in Türkisch zu unterrichten. Wenn Kinder ihre Muttersprache nicht korrekt lernen, werden sie auch eine andere Sprache nicht gut erfassen. Es gibt in Wien ein Institut für Orientalistik, wo Studenten Türkisch lernen, die auch perfekt Deutsch sprechen. Das Einzige, was fehlt, ist ein Lehrstuhl für Pädagogik. Dann kann Österreich seine eigenen Türkischlehrer haben.**

Wie viele Lehrer wollen Sie holen?

Vielleicht sind 100 genug. Es gibt ungefähr 5000 bis 7000 junge Türken, die vor dem Besuch der Volksschule stehen. Ich bin sicher: Wenn sie im Kindergarten Türkisch und natürlich auch fließend Deutsch lernen, ist das ein Gegengift fürs Integrationsproblem.

Sollten die Türken Türkisch als Fremdsprache in der Schule lernen?

Mein Ziel ist es, dass Türkisch als Maturasprache akzeptiert wird. Dann werden wir auch türkische Lehrer haben. Ich weiß nicht, warum Türkisch nicht als Maturasprache akzeptiert wird.

Haben Sie je daran gedacht, eine türkische Schule in Wien zu gründen?

Nein. Aber wenn es eine Nachfrage gibt, wird man auch darüber nachdenken können.

Sollten türkische Eltern Deutsch oder Türkisch mit ihren Kindern sprechen?

Das werde ich ihnen nicht vorschreiben. Aber ob Eltern, Kinder oder Jugendliche, sie sollten alle Deutsch können.

Wenn Eltern mit ihren Kindern nicht Deutsch sprechen, fehlt die Grundlage. Schlimmer wird es noch, wenn türkische Eltern ihre Kinder nicht in den Kindergarten schicken.

Das sollte verpflichtend sein. Jedes Kind sollte den Kindergarten besuchen. Ab drei oder vier, wie in den österreichischen Familien.

Warum sind etwa Kinder kroatischer Eltern besser in der Schule?

Das ist sehr einfach. Weil die Kroaten Christen sind, sie sind willkommen in der Gesellschaft, die Türken nicht.

Vielleicht haben sie auch ein größeres Verlangen, sozial aufzusteigen.

Wenn man nicht willkommen ist und von der Gesellschaft immer an den Rand gedrängt wird, warum soll man dann Teil dieser Gesellschaft sein wollen?

Um besser als die anderen zu sein, um es ihnen zu zeigen.

Das ist eine westliche Mentalität. Wir haben nicht diese merkantilistische Philosophie. Unsere Philosophie im Islam lautet anders: Was immer du hast, von Gott gegeben, ist genug für dich. Das Einzige, was du tun musst, ist Gutes für deine Leute in der Familie und in deiner Umgebung. Die Türken in Wien helfen einander. Sie wissen, sie sind nicht willkommen.

Warum glauben Sie das?

In dieser Stadt, die behauptet, ein kulturelles Zentrum Europas zu sein, stimmten fast 30 Prozent für eine extrem rechte Partei. Wenn ich der Generalsekretär der UNO, der OSZE oder der Opec wäre, würde ich nicht hier bleiben. Wenn ihr keine Ausländer hier wollt, dann jagt sie doch fort. Es gibt viele Länder auf der Welt, in denen Ausländer willkommen sind. Ihr müsst lernen, mit anderen Leuten zusammenzuleben. Was für ein Problem hat Österreich?

Geht es wirklich um den Islam? Mit den Persern hier gibt es keine Probleme.

Wie viele Perser gibt es denn hier? Man sieht sie nicht. Wenn man sie sehen würde, hätten sie genau das gleiche Problem. Es steckt immer diese religiöse Abneigung dahinter. Vor den Anschlägen vom 11.September gab es das nicht. Aber seither stellen die Massenmedien den Islam als schlecht und terroristisch dar. Wo ist die Kirche? Ich traf den Kardinal, er ist ein wunderbarer Mann, und er sagte mir, er habe ein gutes Verhältnis zu den Türken. Ich sagte ihm: Eminenz, das ist nicht genug, Sie müssen sich stärker zu Wort melden und in Ihrer Zeitungskolumne auch schreiben, dass der Islam genauso wertvoll ist wie Ihre eigene Religion.

Was erwarten Sie von den Behörden?

Es gibt viele Menschen guten Willens. Ich war in vielen Rathäusern, überall gibt es Integrationssektionen. Aber sie warten in ihren Büros, bis die Leute zu ihnen kommen. Sie haben keine Vision. Es gibt keine Koordination und keine Kooperation. Meine vier Vorgänger als Botschafter und ich wurden nie um Zusammenarbeit in Integrationsfragen gebeten. Ich weiß, was meine Leute wollen und wie sie überzeugt werden können.

Was hatten Sie für Erfahrungen mit österreichischer Gastfreundschaft?

Ich bin seit einem Jahr hier. Ich war nur einmal in das Haus einer österreichischen Familie eingeladen, vergangenes Wochenende in Krems. Es ist ein großer Unterschied zwischen Wien und dem Rest Österreichs. Wenn ich Wien verlasse, sind alle gastfreundlicher.

Es hat Sie niemand aus dem Außenamt zu sich nach Hause eingeladen?

Nein. Aber das macht nichts. Es laden mich so viele Türken ein.

Sie spiegeln sozusagen das Integrationsproblem auf höherem Niveau wider.

In den ersten Monaten nach seiner Ankunft macht ein Botschafter Höflichkeitsbesuche. Als ich um ein Treffen mit dem Außenminister ansuchte, hieß es, der Außenminister empfängt keine Botschafter. Können Sie das glauben? Ich bin ein Botschafter von 250.000 Menschen, die in diesem Land leben. Über welchen Dialog reden wir hier?

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Carlos, der Schakal - der Film sorgt bei der Viennale für Aufsehen. Ich traf seine Frau. 30,Oct. 2010

Interview mit der deutschen Fotografin Magdalena Kopp

** „Ich war die Geliebte des  gefährlichsten Terroristen der Welt!“ **

„Carlos, der Schakal“ war heuer einer der meistgefeierten Filme in Cannes. Jetzt zeigt die Viennale das Dreistundenepos von Olivier Assayas über den Super-Terroristen Ilich Ramirez Sanchez. Bei Assayas wird Carlos als Erotomane und unberechenbarer Individualist dargestellt.

Carlos, der auch die OPEC-Zentrale in Wien überfallen hat, war ein Sadist und geldgieriger Auftragskiller.

Ich habe seine Frau getroffen: Fotografin Magdalena Kopp (61) aus Neu-Ulm, Schwaben.

Sie lernte Carlos in den Siebzigerjahren kennen, lebte 13 Jahre an der Seite des Terror-Paten, bekam sogar ein Kind von ihm. Sie schrieb ein Buch über ihn, sagt: „Er befahl, ich gehorchte. Er war Macho, ich sein Objekt, seine Geliebte und irgendwie Handlangerin des Terrors“.

Illich Ramirez Sanchez, alias „Carlos, der Schakal“, war der Osama bin Laden der 70er- und 80er-Jahre, galt zwei Jahrzehnte als der meistgesuchte Terrorist der Welt. SIE verdrängte das. Aus Liebe, aus Angst. Pervers: Obwohl weltweit nach „Carlos“ gefahndet wurde, führten beide ein Luxusleben im Untergrund, heirateten, bekamen sogar ein Baby – Rosa, heute 22.

Ich sitze Magdalena Kopp in einem Cafe in Neu-Ulm gegenüber, in der schwäbischen Provinz. Magdalena Kopp spricht leise, stockend, vorsichtig. Ihr Köper ist angespannt, verkrampft. Sie hat tiefe Falten im Gesicht. Spuren der Vergangenheit. Ihre Hände sind zart, schmal. Kaum zu glauben, dass sie damit eine Kalaschnikow gehalten hat. Ihre blauen Augen, hellwach, schauen misstrauisch. So, als wäre sie noch immer auf der Flucht.

1967 verlässt Magdalena Kopp ihren Geburtsort, weil ihr „das spießbürgerliche, kleinkarierte Leben zu eng geworden ist“. Geht nach Frankfurt, linke Szene. Lernt Mitglieder der „Revolutionären Zellen“ kennen, „Feierabendterroristen“. Tagsüber Job, abends Anschläge. Kopp macht mit, sucht eine andere Welt. Und findet Carlos, den Schakal.

Frage: Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Kopp: Über den Roten Stern‘, einen linken Verlag. Ich bekam eine Anstellung als Fotografin.

Frage: Der deutsche Topterrorist Hannes Weinrich, später Stellvertreter von Carlos, war einer der Mitbegründer des Verlages ...

Kopp: ... ja, und Hannes hatte schon damals Kontakt zu Carlos, aber davon wusste ich nichts. Freunde nahmen mich mit nach London. Ich sollte für sie eine Dunkelkammer einrichten ...

Frage: ... die als Fälscherwerkstatt dienen sollte ...

Kopp: ... wozu sie die brauchten, darüber wurde nie geredet. Plötzlich stand ein Mann vor mir – dunkles Haar, etwas dicklich, korrekter heller Anzug, abstehende Ohren und eigenartige Hakennase. Er wurde mir als Johnny vorgestellt und war mir zutiefst unsympathisch. Er begann mich plump anzubaggern. Johnny war Carlos und erst 23. Doch das erfuhr ich erst viel später.

Frage: Wann?

Kopp: Im Juni 1975. Carlos hat damals in Paris zwei französische Geheimdienstmänner und einen Libanesen erschossen. In den Tagen darauf erschien das Polizeifoto von Carlos in allen Zeitungen. Damit war der Mythos Carlos geboren. Als ich die Fotos sah, erkannte ich Johnny wieder, den Schnösel aus der Dunkelkammer. Mir lief es kalt den Rücken hinunter.

Frage: Und trotzdem haben Sie sich später in ihn verliebt?

Kopp: Verliebt, verliebt? Er hat mich einfach genommen. Carlos legte seine Pistole neben mich auf den Nachttisch und schlief mit mir, ein sexueller Akt ohne jegliche Emotion. Fast eine Vergewaltigung.

Frage: Was war der Reiz an diesem Mann?

Kopp: Diese Frage stelle ich mir bis heute. Ich weiß nicht mehr, was faszinierend war an ihm. Er war ein Macho und Killer, wie konnte ich mich nur in ihn verlieben? Er war Janus, der Doppelgesichtige. Charmant in einem Moment, aber auch ganz anders im nächsten.

Frage: Haben Sie verdrängt, dass er angeblich 1500 Menschen umgebracht hat?.

Kopp: Es war sein Auftreten, das mir so gefiel, sein Selbstbewusstsein. Er hatte vor nichts Angst, aber alle hatten Angst vor ihm.

Frage: Wie nannte er Sie?

Kopp: Ich war seine Kuh.

Frage: Kuh?

Kopp: Ja, für ihn war das ein Kosewort. Einmal hat er mir eine Geburtstagstorte mitgebracht, für meine Kuh‘ stand drauf. Heute würde ich ihm die Torte ins Gesicht schleudern. Damals sagte ich nichts.

Frage: Für Carlos war die DDR Rückzugsgebiet. Im Schutz der Stasi konnte er Europa mit Terror überziehen ...

Kopp: Ja, aber wir wurden von der Stasi nur benützt und geduldet. Es gab Kontaktleute, nicht mehr. Carlos hat seine arabischen Freunde in Ost-Berlin getroffen, weil sie dort völlig ungestört waren.

Frage: Wie funktionierte der Terrorkonzern Carlos?

Kopp: Das große Sagen hatte Carlos. Er traf die Entscheidungen, plante, führte aus. Viel war aber auch Scheinaktionismus – nach Ost-Berlin reisen, die Stasi treffen, oder Freunde von der spanischen ETA. Dann weiter nach Rumänien, gefälschte Reisepässe abholen. Die Arbeit meines Mannes bestand hauptsächlich darin, Geld zu beschaffen.

Frage: Ein Leben dieser Art kostet ...

Kopp: ... waren wir im Irak, wurde das vom irakischen Geheimdienst finanziert. Bloß in Ost-Berlin mussten wir selbst bezahlen. Cash. Konten durften wir ja keine besitzen. Kreditkarten gab es auch keine. Es war aber immer genug Bargeld vorhanden, das Carlos verwaltete. Ich wusste nicht wo, er steckte mir aber stets was zu.

Frage: Woher kamen die Summen?

Kopp: Einmal aus Libyen, dann wieder 200 000 Dollar vom irakischen Geheimdienst.

Frage: Wie eng waren die Stasi-Kontakte ihres Mannes?

Kopp: Keine Ahnung, im Grunde hat Carlos sich mit der Stasi nie gut verstanden. Er hasste die strengen Anweisungen. Sie gaben vor, dass wir die DDR meiden sollten, wenn Staatsgäste in Ost-Berlin waren. Einmal rastete er aus. Carlos wollte im Hotel „Stadt Berlin“ am Alexanderplatz absteigen. Ausgebucht, da drehte er durch – der meistgesuchte Mann der Welt beschimpfte die Hotelmanagerin wegen ihres unrevolutionären Benehmens. Nur er sei der wahre und aufrechte Kommunist und Revolutionär. Er war nicht zu bremsen und ich hatte schon Angst, er würde die Pistole ziehen.

Frage: Carlos verlangte von Ihnen auch aktive „Terrorarbeit“. Sie sollten in Paris ein Sprengstoff-Auto deponieren. Was war der Auftrag?

Kopp: Das möchte ich jetzt nicht beantworten. Gott sei Dank ist bei dieser Aktion in Paris nichts passiert.

Frage: Bei dieser „Aktion“, wurden Sie verhaftet, später zu vier Jahren verurteilt ...

Kopp: Carlos wollte mich freipressen.

Frage: ... und nach der Haft in Paris kehrten Sie zu ihm zurück. Warum?

Kopp: Eines Nachts rief er mich an, ich war gerade einige Wochen in Freiheit und zurück in Ulm. „How are you?“, hat er gefragt. Das war’s und ich wusste, was zu tun war. Ich ging zu ihm nach Damaskus in Syrien. Wäre ich nicht gegangen, hätte er mich sicher geholt.

Frage: In Damaskus wurden Sie von Carlos schwanger.

Kopp: Ja, dort kam Rosa zur Welt. Als die Wehen einsetzten, rasten wir in die Klinik, aber es war schon zu spät. Carlos und ich saßen auf dem Rücksitz, als es losging. Er tobte, machte mir schwerste Vorwürfe, geriet in Panik. So war er. Minuten später, als wir in der Klinik und Rosa abgenabelt war, war er wieder der Charmeur, lobte, tröstete mich.

Frage: War er stolz auf sein Kind?

Kopp: Ja, das war er. Stolzer Macho-Vater. Er war nur geschockt, weil er nie zuvor eine Geburt gesehen hat.

Frage: Ein Mann wie er war geschockt?

Kopp: Ja, so war er. Paranoid. Ein skrupelloser Mörder, der selbst seine engsten Freunde umbrachte. Er betrachtete sich als Revolutionär. In Wirklichkeit war er ein Reaktionär. Ein Verrückter. Er war grob und auch kein guter Liebhaber.

Frage: Bevor Carlos im Sudan verhaftet wurde, haben Sie geheiratet ...

Kopp: ... das war ein rein formaler Akt. Er fuhr in den Libanon, hat unsere Heirat registrieren lassen. Nach moslemischen Recht muss die Frau nicht dabei sein, sie hat ohnehin nichts zu sagen. Als er zurückkam, brachte er Ringe mit und sagte – so, das wäre jetzt auch erledigt.‘

Frage: Carlos wurde in Paris zu lebenslanger Haft verurteilt? Haben sie ihn jemals besucht?

Kopp: Nein. Er hat inzwischen wieder geheiratet. Zuerst eine Palästinenserin, dann seine französische Anwältin.

Frage: Haben Sie Angst. dass er jemals wieder freikommen könnte?

Kopp: Er hat dem Terror noch immer nicht abgeschworen, darf nie mehr freikommen.

Frage: Was hat Ihr Kampf gebracht?

Kopp: Nichts. Die Jahre haben mein Leben zerstört.

Das Interview erschien 2009 in der deutschen BILD.

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null 19,Oct. 2010

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Wahlbetrug im Burgenland - das Geständnis-Interview im Wortlaut 09,Oct. 2010

„Ich habe getrickst“, sagte kürzlich in einem Telefonat Wilhelm Heissenberger, 55, zu mir, HTL-Lehrer und ÖVP Bürgermeister von Unterrabnitz-Schwendgraben (Bezirk Oberpullendorf/Burgenland).

Das Geständnis über den Wahlbetrug bei der Landtagswahl 2010 erschien als Interview in ÖSTERREICH.

Jetzt hat die Fraktion der VP-Gemeinderäte ihrem Bürgermeister einstimmig ihr Vertrauen ausgesprochen, ein erstaunliches Demokratieverständnis. Man lernt nie aus.

Zum besseren Verständnis der Sachlage nochmals das Interview des Trickser-Bürgermeisters….

ÖSTERREICH: In Ihrer Gemeinde wurde bei der Landtagswahl im Mai manipuliert, waren Sie der Fälscher?

Heissenberger: Natürlich habe ich das gemacht, natürlich. Es geht in meinem Fall um 12 Wahlkarten und nicht um 13, wie jetzt behauptet wird.

ÖSTERREICH: Was hat Sie da geritten?

Heissenberger: Geritten, was soll mich da geritten haben? Ich kann es mir auch nicht erklären, was da los war. Entweder ein Blackout, ein völliger Aussetzer, oder ich bin wohl im Wahlwahn gewesen, ein Fieberschub. Ich weiß es nicht mehr, warum ich das gemacht hab’.

ÖSTEREICH: Was sagen jetzt Ihre Parteifreunde?

Heissenberger: Mit dem Parteichef selbst habe ich noch nicht gesprochen. Er hat mich auch noch nicht angerufen. Ich kann auch noch nicht sagen, wie ich reagieren werde.

ÖSTERREICH: Sie wollen nicht zurücktreten?

Heissenberger: Das kann ich jetzt noch nicht sagen, viel hängt von der Reaktion der Bürgerinnen und Bürger ab. Eine schwierige Situation für mich – belastend und unangenehm. Ein schwerer Fehler, aber ich stehe dazu.

ÖSTERREICH: Kein Rücktritt, obwohl Sie gerade einen Betrug gestanden haben?

Heissenberger: Amtsmissbrauch wird mir vorgeworfen, nicht Betrug.

Österreich: Und trotzdem wollen Sie nicht gehen?

Heissenberger: Auch der Bürgermeister von Oberwart ist angeklagt, trotzdem ist er noch im Amt.

Österreich: Haben Sie nie daran gedacht, dass Ihre Aktion auffliegen könnte?

Heissenberger: Nein – wo kein Kläger, da kein Richter, heißt es im Volksmund. Es war auch nie eine gezielte Aktion, ich wollte niemandem schaden, rechnete auch nicht damit, dass das nochmals kontrolliert wird.

Österreich: Haben das andere Bürgermeister auch gemacht?

Heissenberger: Das kann ich nicht sagen.

Österreich: Sie haben die ÖVP angekreuzt?

Heissenberger: Davon kann man ausgehen, ich bin ÖVP-Bürgermeister.

Soweit das Interview. Alle haben damit gerechnet, daß Heissenberger aus dem Amt verschwindet, Demut zeigt. Das Gegenteil ist der Fall. Bezüglich des genauen Zeitpunkts seines angekündigten Rücktritts wollte Heissenberger weiterhin keine genaueren Details verraten. Nur so viel: „Es wird nicht ad hoc passieren", so der Ortschef.

Die nächsten Schritte „werden ordentlich gemacht", sagte Heissenberger. Was fällt uns dazu noch ein?

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Wien wählt ein Weichei - Häupls Kniefall vor der "Krone" 09,Oct. 2010

Heute wählt Wien und SP-Michael Häupl wird wohl wieder Bürgermeister werden, das ist eine Tatsache. Die anderen Kandidaten sind entweder zu dumm (Strache), zu teigig (Marek), oder zu zerstritten (Vassilakou).

Der Erfolg Häupl’s aber ist ein schwammiger, letztendlich hat sich der Bürgermeister als absolutes „redegg“ erwiesen, als rotes Weichei. Wenige Tage vor der Wahl forderte er eine Volksbefragung zum Thema Wehrpflicht. Reiner Populismus, schließlich hat die Wehrpflicht mit der Entwicklung der Stadt Wien nichts zu tun, rein gar nichts. Häupl hat damit vielleicht ein paar Stimmen geholt, aber der Sache einen ganz schlechten Dienst erwiesen.

Keiner hat das bisher besser beschrieben als Peter Rabl im KURIER. Lesen Sie nach, was Rabl am Samstag dachte:

«Ob es wirklich genutzt hat, wird man Sonntagabend wissen. Der Kniefall des Wiener SPÖ-Bürgermeisters Häupl vor der Kronenzeitung nämlich, der er den politischen Segen für ihre Kampagne gegen die Wehrpflicht gab und ganz nach dem Strickmuster des Blattes eine Volksbefragung zum Thema forderte. Der Dank des Hauses Dichand war gewiss, ihr Getrommel für Häupl wurde noch lauter.

Dass binnen weniger Stunden die gesamte Spitze der Sozialdemokratie dem Wendebefehl Häupls folgte, ist eine Schande. Zumal die Obersozis Wiederholungstäter sind. Auch nach dem Leserbrief von Gusenbauer und Faymann an den verstorbenen Herausgeber Hans Dichand, der entgegen der geltenden Parteilinie plötzlich Volksabstimmungen bei Ãnderungen der EU-Regeln versprach, fiel die Partei kollektiv um.

Damals holte sich die SPÖ– die unverhohlene publizistische Wahlhilfe der Krone und damit den entscheidenden Push für die Mehrheit bei der Nationalratswahl. Häupl versucht nun in berechtigter Sorge um den Erhalt seiner absoluten Mehrheit in Wien das gleiche populistische Gegengeschäft».

Häupl habe alle Grundsätze dem Boulevard geopfert, schließt Rabl. Ein wahres Wort.

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Islam-Hasser "Königsmacher" in Hollands Regierung - warum schreit Europa nicht auf? 02,Oct. 2010

Das ist also die “Wertegemeinschaft EU”: Frankreich wirft Roma und Sinti raus, Deutschland beklatscht Gen-Theoretiker Thilo Sarrazin, Wien zittert vor “Bumsti” HC-Strache und jetzt wird in den Niederlanden der Islam-Hasser Geert Wilders zum «Königsmacher” der neuen Regierung.

Was geht da ab?

Die niederländischen Christdemokraten haben am Samstag auf ihrem Sonderparteitag die Zusammenarbeit mit dem Rechtsradikalen Geert Wilders abgesegnet. Die islamfeindliche Freiheitspartei, die bei den Wahlen vor fast vier Monaten drittstärkste politische Kraft wurde, ist zwar nicht direkt an der Regierung beteiligt. Sie bekommt aber durch eine Art „Duldungskonstruktion“ enormen Einfluß auf das Geschehen in Amsterdam.

Was ist los in den Niederlanden? Warum kann in diesem Land, das vor nicht allzu langer Zeit als liberales Aushängeschild Europas gegolten hat, so ein Mann ganz nach oben kommen?

Im Vergleich zu Geert Wilders ist Österreichs Nachwuchsrechtspopulist HC Strache ein Firmling. Selbst Jörg Haider erscheint gegen Wilders postum als politisches Weichei.

Wilders ist ein lupenreiner Hass-Prediger.

Der Koran ist für ihn wie Hitlers „Mein Kampf“. Kopftüchter muslimischer Frauen „verschmutzen Europa“, sagt er. Oder: „Die Natur des Islam unterscheidet sich kaum von verabscheuungswürdigen und totalitären Ideologien, wie dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus“.

Islam. Nationalsozialismus. Kommunismus. Bei all seinen Reden zählt Wilders stets die – zurechtgebogenen – Charakteristika dieser drei Ideologien auf:

• Erstens: Sie verwenden politische Säuberungen, um die Gesellschaft von dem zu “reinigen”, was sie für nicht wünschenswert erachten;

• Zweitens: Sie dulden nur eine politische Partei. Wo der Islam mehrere Parteien erlaubt, besteht er darauf, dass alle Parteien islamisch sind;

• Drittens: Sie zwingen das Volk auf den Pfad, dem es nach ihren Vorgaben zu folgen hat;

• Viertens: Sie verwischen die liberale Unterscheidung zwischen dem Bereich des privaten Ermessens und der öffentlichen Kontrolle

• Fünftens: Sie verwandeln das Bildungssystem in einen Apparat zum Zweck der allgemeinen Indoktrination;

• Sechstens: Sie setzen Regeln für Kunst, Literatur, Wissenschaft und Religion fest;

• Siebtens: Sie unterdrücken Menschen, denen ein Status zweiter Klasse zugewiesen wird;

• Achtens: Sie erzeugen eine dem Fanatismus ähnliche Gemütsverfassung. Die Anpassung geschieht durch Kampf und Dominanz;

• Neuntens: Sie sind ausfällig gegenüber ihren Gegnern und erachten jede Konzession ihrerseits als temporären Behelf, während sie das Entgegenkommen des Rivalen als Zeichen der Schwäche erachten;

• Zehntens: Sie sehen Politik als einen Ausdruck von Macht.

Wilders spielt sich als Retter des Abendlandes auf, als Vorstadt-Sarrazin: «Es ist die offensichtliche Unfähigkeit des Westens, die Gefahr zu erkennen. Die Voraussetzung für das Verständnis politischer Gefahr ist die Bereitschaft, die Wahrheit zu sehen, selbst wenn diese unangenehm ist. Leider scheinen die modernen westlichen Politiker diese Fähigkeit verloren zu haben“, sagt er.

Dieser Mann dirgiert nun die neue Regierung eines EU-Mitgliedsstaates. Erstaunlich, dass die Wertegemeinschaft EU das zulässt und nicht schon längst zum Boykott aufgerufen hat.

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Thilo Sarrazin - Volksverhetzer, Aufputscher, Bestseller-Autor. 20,Sep. 2010

Kleinbürgerlich, plebejisch, schlampig, 68erisch. So nennt Ex-Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin Berlin, Deutschland. Sarrazin spricht von „türkischen Wärmestuben“, klagt: „,Ich muss niemanden anerkennen, der (…)ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für siebzig Prozent der türkischen und für neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin. Viele von ihnen wollen keine Integration, sondern ihren Stiefel leben“. Rechtsradikal? Volksverhetzung? Oder Wahrheit?

Thilo Sarrazin im Wortlaut.

Von seinem Buch “Deutschland schafft sich ab”, wurden inzwischen 650.000 Stück verkauft – Rekord. Sein Buch spaltet Deutschland, Österreich.

Viele nennen seine Äußerungen „rechtsradikal“. In der SPD diskutiert man seinen Parteiausschluss. Seinen Job bei der Bundesbank hat er bereits verloren. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Verdachts auf Volksverhetzung! Bei Schuldspruch droht Haft Es gibt aber auch solche, die Sarrazin verteidigen: „Wenn Heuchelei normal ist und die Realität verschwiegen wird, in ihr Gegenteil verkehrt wird oder völlig aus dem Blick gerät, ist eine Gesellschaft nicht viel wert. (…) Sarrazin hat ein Recht auf Fairness. Was Sarrazin gesagt und geschrieben hat, muss jemand sagen dürfen, ohne, dass er persönlich vernichtet wird. Sarrazin hat ein Recht, mit dem was er gesagt hat, auf das Gegenargument. Und die Gesellschaft und die Bürger dieses Land haben ein Recht auf Diskussion. Die Reaktionen, die Sarrazin erzeugt hat, beweisen, dass das Thema Integration von einem gefährlichen Ungeist totgebügelt wird, obwohl es das wahrscheinlich virulenteste Thema der Gegenwart ist“, schreibt die WELT.

Was sagte und schreibt Sarrazin wirklich? Hier die wichtigsten Passagen:

„Man muss aufhören, von den’ Migranten zu reden. Wir müssen uns einmal die unterschiedlichen Migrantengruppen anschauen. Die Vietnamesen: Die Eltern können kaum Deutsch, verkaufen Zigaretten oder haben einen Kiosk. Die Vietnamesen der zweiten Generation haben dann durchweg bessere Schulnoten und höhere Abiturientenquoten als die Deutschen. Die Osteuropäer, Ukrainer, Weißrussen, Polen, Russen weisen tendenziell dasselbe Ergebnis auf. Sie sind integrationswillig, passen sich schnell an und haben überdurchschnittliche akademische Erfolge. Die Deutschrussen haben große Probleme in der ersten, teilweise auch der zweiten Generation, danach läuft es wie am Schnürchen, weil sie noch eine altdeutsche Arbeitsauffassung haben. Sobald die Sprachhindernisse weg sind, haben sie höhere Abiturienten- und Studentenanteile usw. als andere.

Bei den Ostasiaten, Chinesen und Indern ist es dasselbe. Bei den Kerngruppen der Jugoslawen sieht man dann schon eher türkische’ Probleme; absolut abfallend sind die türkische Gruppe und die Araber. Auch in der dritten Generation haben sehr viele keine vernünftigen Deutschkenntnisse, viele gar keinen Schulabschluss, und nur ein kleiner Teil schafft es bis zum Abitur. […]

Je niedriger die Schicht, um so höher die Geburtenrate. Die Araber und Türken haben einen zwei- bis dreimal höheren Anteil an Geburten, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht. Große Teile sind weder integrationswillig noch integrationsfähig. Die Lösung dieses Problems kann nur heißen: Kein Zuzug mehr, und wer heiraten will, sollte dies im Ausland tun. Ständig werden Bräute nachgeliefert: Das türkische Mädchen hier wird mit einem Anatolen verheiratet, der türkische Junge hier bekommt eine Braut aus einem anatolischen Dorf. Bei den Arabern ist es noch schlimmer.

Meine Vorstellung wäre: generell kein Zuzug mehr außer für Hochqualifizierte und perspektivisch keine Transferleistungen mehr für Einwanderer. In den USA müssen Einwanderer arbeiten, weil sie kein Geld bekommen, und werden deshalb viel besser integriert.

Man hat Studien zu arabischen Ausländergruppen aus demselben Clan gemacht; ein Teil geht nach Schweden mit unserem Sozialsystem, ein anderer Teil geht nach Chicago. Dieselbe Sippe ist nach zwanzig Jahren in Schweden immer noch frustriert und arbeitslos, in Chicago hingegen integriert.

Der Druck des Arbeitsmarktes, der Zwang des Broterwerbs sorgen dafür. Das sind Dinge, die man nur durch Bundesrecht ändern kann. Für Berlin ist meine Prognose düster, was diese Themen betrifft. Aber es kann in einer Stadt, in der man prächtig leben kann, gleichzeitig kompakte und wachsende, ungelöste Probleme geben. Genauso wird es in Berlin werden.[…]

Die Integration hat Stufen. Die erste Vorstufe ist, dass man Deutsch lernt, die zweite, dass man vernünftig durch die Grundschule kommt, die dritte, dass man aufs Gymnasium geht, dort Examen macht und studiert. Wenn man durch ist, dann braucht man gleiche Chancen im öffentlichen Dienst. So ist die Reihenfolge.

Es ist ein Skandal, dass die Mütter der zweiten, dritten Generation immer noch kein Deutsch können, es allenfalls die Kinder können, und die lernen es nicht wirklich. Es ist ein Skandal, wenn türkische Jungen nicht auf weibliche Lehrer hören, weil ihre Kultur so ist. Integration ist eine Leistung dessen, der sich integriert. Jemanden, der nichts tut, muss ich auch nicht anerkennen.

Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für siebzig Prozent der türkischen und für neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin. Viele von ihnen wollen keine Integration, sondern ihren Stiefel leben. Zudem pflegen sie eine Mentalität, die als gesamtstaatliche Mentalität aggressiv und atavistisch ist. […]

Die Türkei ist das Land, wo man heute noch bestraft wird, wenn man vom Völkermord an den Armeniern redet. Ich war 1978 zum ersten Mal in der Türkei, dienstlich mit meinem damaligen Chef, Herbert Ehrenberg, der Arbeitsminister war.

Ich war in seinem Stab. Wir kamen von Ankara, fuhren vom Flughafen rein, vorn saß mein Minister mit dem türkischen Minister, und ich saß im Wagen dahinter mit dem türkischen Staatssekretär auf der Rückbank. Der Staatssekretär sprach Deutsch und fragte mich, wie viele Einwohner Deutschland habe und wie unsere Geburtenraten seien, und dann sagte er, im Jahre soundso werden wir Deutschland an Bevölkerungsgröße überholt haben. Darauf war er stolz. Das ist dieselbe Mentalität, die Erdogan dazu verleitet hat, diese Rede in der Kölnarena zu halten, wie er sie gehalten hat. (…)

Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung. Ich habe dazu keine Lust bei Bevölkerungsgruppen, die ihre Bringschuld zur Integration nicht akzeptieren, und auch, weil es extrem viel Geld kostet und wir in den nächsten Jahrzehnten genügend andere große Herausforderungen zu bewältigen haben. […]

Man stößt gegen viele Mauern der politischen Korrektheit, aber man merkt, dass der Ton an Deutlichkeit zunimmt, wir haben noch nicht verstanden, dass wir ein kleines Volk sind. Wir verstehen uns immer noch als ein großes Volk. 1939, als der Zweite Weltkrieg begann, hatte Deutschland 79 Millionen Einwohner, die USA 135, Russland 160 und England 50. Die Proportionen haben sich völlig verschoben.

Wenn von unseren 80 Millionen praktisch dreißig Prozent im Rentenalter sind, sind wir bereits eine relativ kleine Bevölkerung. Wir sind näher an den Holländern und Dänen als an den USA. Dass diese kleinen Völker ihre Ausländer heute mit viel radikaleren Programmen als wir forciert integrieren, hat einen guten Grund. Heute muss man Sprachtests in den Botschaften machen, davor darf man gar nicht einreisen.

Sie haben spät angefangen, aber sie haben wenigstens angefangen. Wenn die Türken sich so integrieren würden, dass sie im Schulsystem einen anderen Gruppen vergleichbaren Erfolg hätten, würde sich das Thema auswachsen. Der vietnamesische Kioskbesitzer wird immer gebrochen Deutsch sprechen, weil er erst mit dreißig eingewandert ist und ungebildet war. Wenn seine Kinder Abitur machen oder Handwerker werden, hat sich die Sache erledigt. Türkische Anwälte, türkische Arzte, türkische Ingenieure werden auch Deutsch sprechen, und dann wird sich der Rest relativieren. So aber geschieht nichts.

Die Berliner meinen immer, sie hätten besonders große Ausländeranteile; das ist falsch. Die Ausländeranteile von München, Stuttgart, Köln oder Hamburg sind viel höher. Aber die Ausländer dort haben einen geringeren Anteil an Türken und Arabern und mischen sich über breite Ausländergruppen. Zudem sind die Migranten in den Produktionsprozess integriert. Während es bei uns eine breite Unterschicht gibt, die nicht in Arbeitsprozesse integriert ist.

Doch das Berliner Unterschichtproblem reicht weit darüber hinaus. Darum bin ich pessimistisch. Wir haben in Berlin vierzig Prozent Unterschichtgeburten, und die füllen die Schulen und die Klassen, darunter viele Kinder von Alleinerziehenden. Wir müssen in der Familienpolitik völlig umstellen: weg von Geldleistungen, vor allem bei der Unterschicht.

Ich erinnere an ein Dossier der Zeit’ dazu. Es berichtet von den zwanzig Tonnen Hammelresten der türkischen Grillfeste, die die Stadtreinigung jeden Montagmorgen aus dem Tiergarten beseitigt — das ist keine Satire. Der Neuköllner Bürgermeister Buschkowsky erzählt von einer Araberfrau, die ihr sechstes Kind bekommt, weil sie durch Hartz IV damit Anspruch auf eine größere Wohnung hat. Von diesen Strukturen müssen wir uns verabschieden. Man muss davon ausgehen, dass menschliche Begabung zu einem Teil sozial bedingt ist, zu einem anderen Teil jedoch erblich.

Der Weg, den wir gehen, führt dazu, dass der Anteil der intelligenten Leistungsträger aus demographischen Gründen kontinuierlich fällt. So kann man keine nachhaltige Gesellschaft bauen, das geht für ein, zwei, drei Generationen gut, dann nicht mehr. Das klingt sehr stammtischnah, aber man kann das empirisch sehr sorgfältig nachzeichnen. (…)

Die Stadt hat eine überdimensionierte Infrastruktur für 4,5 Millionen Menschen, das sieht man an der Breite der Straßen. Die Stadt hat einen produktiven Kreislauf von Menschen, die Arbeit haben und gebraucht werden, ob es Verwaltungsbeamte sind oder Ministerialbeamte. Daneben hat sie einen Teil von Menschen, etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung, die nicht ökonomisch gebraucht werden, zwanzig Prozent leben von Hartz IV und Transfereinkommen; bundesweit sind es nur acht bis zehn Prozent. Dieser Teil muß sich auswachsen.

Eine großes Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt, deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat, hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln. Das gilt auch für einen Teil der deutschen Unterschicht, die einmal in den subventionierten Betrieben Spulen gedreht oder Zigarettenmaschinen bedient hat. Diese Jobs gibt es nicht mehr. Berlin hat wirtschaftlich ein Problem mit der Größe der vorhandenen Bevölkerung. (…)

Berlin ist belastet von zwei Komponenten: der Achtundsechzigertradition und dem Westberliner Schlampfaktor. Es gibt auch das Problem, daß vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden. Hier werden Trends verstärkt sichtbar, die ganz Deutschland belasten. So daß das Niveau an den Schulen kontinuierlich sinkt, anstatt zu steigen. In Berlin gibt es stärker als anderswo das Problem einer am normalen Wirtschaftskreislauf nicht teilnehmenden Unterschicht.

Soweit die umstrittensten Passagen des Interviews. Darf so öffentlich argumentiert werden? Oder nicht?

„Wir erleben unsere Zeit als eine Epoche beschleunigter Internationalisierung und erfahren zugleich eine zunehmende Fragmentierung der Welt. Dies verlangt ein weltoffenes Forum für den schnellen und intensiven Austausch von Beobachtungen, Ideen und Reflexionen. Modernes Denken setzt internationale Orientierung als Selbstverständlichkeit voraus“, schreibt „Lettre“.

Sind Sarrazins Ansichten nun geprägt von internationaler Orientierung, oder bloss provokanter Provinzialismus, um spannungsgeladen anderen Kulturen entgegenzuwirken?

Mir geht es nicht um die Frage, ob Sarrazin politisch korrekt gesprochen hat, ich bin auch kein Gesinnungspolizist, das überlasse ich gerne anderen.

Es geht ausschließlich darum, zu erfahren, ob Diskussionen in einem derartigen Stil geführt werden dürfen, oder nicht? Welche Antworten habt I

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